Allgäu
Die Puppe von Seite 128

«Je älter wir werden, umso mehr verklärt sich die Weihnachtszeit der Kindheit und mit Bedauern stellen wir fest, wie schwer es heutzutage ist, Kindern eine Freude zu bereiten. Dabei hatten es unsere Eltern damals gewiss auch nicht leicht, die Wünsche zu erfüllen, denn es wurde mehr gespart, als uns das heute bewusst ist.» Das schreibt Rosa-Maria Schwab aus Unterthingau an unsere Zeitung und erzählt gleichzeitig ihre Erinnerung an eine Vorweihnacht ihrer Kindheit.

Unterthingau Es war im September des Jahres 1954, ich war fünf Jahre alt und nach Zustellung des heiß begehrten Quelle-Kataloges stand für mich fest, die Puppe auf Seite 128 muss das Christkind bringen.

Nachdem meine älteren Schwestern ebenfalls den begehrten Katalog für sich beanspruchten, wurde die besagte Seite herausgetrennt und mir übergeben mit der Feststellung, dass ich nun den Katalog in Ruhe lassen sollte. Schließlich brachte dieser die große weite Welt, die andere auch noch interessierte, mit allen erdenklichen Wünschen ins Haus. Ab diesem Zeitpunkt war ich ständig mit Katalogseite 128 anzutreffen, um mir «meine Puppe» einzuprägen, ja ich unterhielt mich bereits mit ihr, ich war in freudiger Erwartung.

Das Puppenkind war pausbäckig, ähnelte wirklich einem kleinen Kindlein und trug weiße Satinwäsche, ein Hemdchen und Mützchen aus dem glänzenden Stoff, der mir so edel vorkam.

Zu den weihnachtlichen Vorbereitungen gehörte damals wie heute das Plätzchen backen. Selbstverständlich war ich Mamas Backgehilfin. Zu Vorweihnachtszeit gehörte auch, dass die Mutter jeden Morgen nach der Stallarbeit in die heilige Messe, die nun plötzlich Orate hieß, ging und mich mitnahm. All die schönen Lieder und der Adventskranz in der Kirche ließen Vorfreude aufkommen. Überhaupt war das religiöse Leben vordergründig. Im Herrgottswinkel wurde im Advent die leere Krippe aufgestellt und jedes Mal, wenn ich besonders brav war, durfte ich einen kleinen Strohhalm ins Krippchen legen. Ziel war es, möglichst viele Strohhalme zusammen zu bringen, damit das Jesulein an Weihnachten weich lag. Das war eine echte Herausforderung.

«Aber beschenken - das tat das Christkind»

So nahte der Heilige Abend, der Vater hatte schon tage zuvor einen Baum aus dem Wald geholt. Mir war klar, dass Mama oder die großen Schwestern den vom Vater geholten Baum schmücken würden. Schließlich konnte das Christkind nicht in jedem Haus den Baum herrichten. Aber beschenken, das tat das Christkind, das kam geflogen, hurtig und heilig und nicht sichtbar, doch spürbar! Dass das Christkind die Wünsche wusste, war klar, denn beim täglichen Abendgebet hatte ich die Puppe aus dem Katalog Seite 128 genau beschrieben.

Der Christbaum, mit roten Kugeln und ebensolchen Kerzen heraus geputzt, mit hauchdünnem Engelshaar und zahlreichen Lamettafäden verziert, lachte mich an. Unterhalb des Stammes lagen in weißem, mit grünen Tannenzweigen bedrucktem Papier eingewickelt, verschiedene Päckchen! Und dann sah ich SIE!

Dort neben den Päckchen saß eine Puppe mit strohigem, blondem Haar, rotem Mund und ebensolchen Fingernägeln, eine herausgeputzte Stadtdame mit blauem Sommerkleid, die ich mir niemals gewünscht hätte! Da nützten auch die weißen Lackschuhe nichts! Mir kamen die Tränen und Mama meinte, so schien es mir, etwas hilflos: «Ja, mei, bei der vielen Arbeit, die Christkind hat, kann schon mal eine Verwechslung vorkommen.» Ich verwies auf die vielen Strohhalme in der Krippe und bestand auf mein Puppenkind von Seite 128!

Betroffen packte die Mutter die Puppe ein und versprach, «nach Weihnachten mit dem Christkind zu reden, heut am heiligen Abend wär es nicht möglich.» Ich hatte Einsehen. Und eine Woche später, nachdem die Dame in Blau längst auf geheimnisvolle Weise verschwunden war, brachte der Postbote ein Paket «vom Himmel», wie mir Mama glaubhaft versicherte, und mein Puppenkind war da»!

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