Bad Grönenbach
«Die Leute haben nichts mehr»

«Es war eigentlich ein Tag wie immer», erzählt Teresa Schaubeck aus Bad Grönenbach. Nachdem sie die Nacht bei einer Ordensgemeinschaft in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince verbracht hatte, fuhr sie am nächsten Morgen in das etwa 40 Kilometer entfernte Dorf Montagne Lavoûte zurück. Dort betreute sie seit fünf Monaten als Missionarin auf Zeit Vorschulkinder und lebte bei Ordensschwestern. Eigentlich wollte sie bis 20. Juli in Haiti bleiben.

«Nach dem Mittagessen habe ich dann bei meinen Eltern angerufen», erinnert sich die 19-Jährige. Etwa zehn Minuten später folgte die Katastrophe. «Meine Sachen flogen aus den Schränken, ich habe mich nur noch festgehalten,» so die Abiturientin. «Es war wie in einem Traum.» Wie in Trance habe sie das Gebäude verlassen. «Draußen lagen Ordensschwestern auf dem Boden.» Erst in diesem Moment war Teresa Schaubeck klar: «Hier bebt die Erde». Im Zehn-Minuten-Takt folgten Erschütterungen - die ganze Nacht über. «Wir haben dann draußen übernachtet.» In derselben Nacht bekam sie einen Anruf von einem Verantwortlichen der Organisation «Missionare auf Zeit». «Es war Glück, dass er mich noch erreicht hatte, denn kurz danach ist das Handynetz zusammengebrochen», erzählt die 19-Jährige. Drei Tage lang konnte sie mit niemandem telefonieren - auch nicht mit ihren Eltern.

«Sie wussten zwar von den Missionaren auf Zeit, dass es mir gut geht, aber sonst nichts.»

Auch eine Woche nach dem Beben habe man sich gefühlt, wie auf einem Schiff. «Die Erde war nie ruhig.» Eine eingestürzte Kirche, zerstörte Häuser und sieben Tote forderte das Beben in Montagne Lavoûte. «Die Leute dort haben nichts mehr - alles ist kaputt.»

Teresa Schaubecks Ordensgemeinschaft der Spiritanerinnen lebte von nun an zur Sicherheit im Freien. «Wir haben draußen geschlafen, gekocht und gegessen.» Das Ausmaß der Katastrophe war vielen Dorfbewohnern nicht bewusst. «Die Leute dort haben keinen Fernseher und keinen Computer. Sie konnten sich nirgends informieren.»

Viele Verletzte und Traumatisierte kamen auf die Krankenstation der Ordensgemeinschaft. «Eine Mutter brachte ihren Sohn, der ein großes Loch im Kopf hatte, weil er von einem Felsenstück getroffen worden war», erzählt Teresa Schaubeck. Die Missionsschwestern verbanden die Wunde, am nächsten Tag sei er gestorben.

Als schließlich Brot und Essen knapp wurden, die weitere Entwicklung der Inselhauptstadt nicht absehbar war und die Kriminalitätsrate anstieg, entschloss sich die Bad Grönenbacherin nach Hause zu fliegen. «Dabei wollte ich die Leute in dieser schwierigen Zeit eigentlich nicht im Stich lassen.» Aber auch Freunde, Familie und ihre Organisation rieten ihr zu diesem Schritt. Mit einem Passagierflugzeug flog die 19-Jährige schließlich über Miami und London zurück nach München.

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