Memmingen
Die Lebensbeichte einer Schnecke

Marcus Jeroch ist ein weiser Clown. Ein großer Komödiant, einer, der hinter der Schminke und unter der wilden, staubigen Perücke unglaublich präsent, jung, klug und überzeugend auf der Bühne des PiK steht. Manchmal auch sitzt oder herumspringt. Zwischen Stehpult und Lesetisch wechselt er die Stellung, die Haltung und das Thema. Zur Auflockerung seiner anspruchsvollen Wortklaubereien jongliert er zwischendurch mit Bällen oder Buchstaben-Ziegeln.

Gedichte und Prosastücke von Ernst Jandl und Friedhelm Kändler sind es vor allem, die er mit seinem begeisternden Vortrag zum Leben erweckt. Marcus Jeroch springt in die Rolle der Sprachakrobaten, Wortkünstler und Sinnverdreher, mit deren Hilfe er zu Weiter-Sehen, Tiefer-Spüren und Höher-Hören aufruft (so heißt auch sein Programm). Er zerpflückt die deutsche Sprache, amputiert und verbiegt sie, und macht Doppelbödigkeiten bewusst.

Als roter Faden zieht sich die Lebensbeichte einer Schnecke durch den Abend, die Gefangenschaft und Folter übersteht, und auch den Tod vor Augen nicht aufgibt. Eingeflochten ist die Tragödie eines Flusspferdes, das sich sehr nach dem Meer sehnt.

Der Wortartist bittet das Publikum auch einmal, kurz aufzustehen - er genießt es, wenn es sich wieder setzt! Ja, man sollte sich mehr widersetzen, verweigern, für seine Ideale einstehen. Jeroch ruft dazu auf, Verantwortung zu wagen, die Welt neu zu schöpfen, zu überlegen und zu handeln, mit dem Hammer auf den Nagel zu zielen, auch wenn der Finger dran glauben muss.

Schade um die schönen Gedichte

Tiefsinniges wechselt in seinen Nummern mit Unsinnigem: Pegasus trifft den Geist aus der Flasche, ein Rettich fährt mit nach Sumatra, Dada stößt auf Wowo. Wortverspielt und wortverliebt bricht Jeroch eine Lanze fürs Anders-Sein, fürs Verkehrte. Leid tut es ihm um die schönen Gedichte, die uns im Deutschunterricht ausgetrieben werden, kaputt gemacht durch die Frage «Was will uns der Dichter sagen?»

Marcus Jeroch beendet sein spektakuläres Programm mit drei Kurzgedichten, darin geht es um Schafe, Gewisper und Gärung, um Frieden und den Rest. Und er warnt davor, sie zu interpretieren, denn «vor der Erkenntnis wars schön!»

Weil das Publikum immer noch nicht genug hat, spielt und spricht er mit Körper und Sprache den witzigen Kändler-Text von den Zehn kleinen Dichterlein. Als Bonbon zu einem Abend der Sprachkunst mit vielen Facetten, Sprüngen, Tiefen und Höhen. Einem Abend zum konzentrierten Zuhören und - bei aller Ernsthaftigkeit - auch zum herzlichen Lachen.

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