Die gute Seele des Stadtsaals

von franziska Kampfrath | Kaufbeuren Selbst wenn Rolf Loos einmal sehr viel Wut haben sollte, würde er es nicht schaffen, in seiner Wohnung an die Decke zu gehen. Denn die Räume seines Domizils sind etwa vier Meter hoch. Er wohnt auch nicht in einem gewöhnlichen Haus: Rolf Loos lebt im Kaufbeurer Stadtsaal. Und er lebt auch gewissermaßen für den Stadtsaal.

Seit Januar 1976 war der gelernte Autosattler dort Hausmeister und geht nun mit 65 Jahren in Rente. Im Keller des Stadtsaals erblickte der Kaufbeurer bereits das Licht der Welt und wuchs dort auf. Damals hieß er allerdings noch Rolf Mayr. Denn bei seiner Hochzeit nahm er den Familiennamen seiner Frau an. 'Das war in den 70er Jahren ein kleiner Skandal. Man warf meinem Mann Traditionsbruch vor', erinnert sich seine Ehefrau Ingrid.

Dabei kann man gerade das dem Vater dreier Kinder nicht vorwerfen. Seine Berufswahl zeugt von viel Traditionsbewusstsein. Schon sein Großvater und Vater waren Hausmeister im Stadtsaal. 'Man wird in die Tätigkeit hineingeboren und wächst herein. Das ist wie auf dem Bauernhof. Die ganze Familie muss mit einsteigen', erklärt Loos. 'Das Ganze funktioniert auch nur als Familienbetrieb', ergänzt seine Frau.

Doch der Einsatzbereich des 65-Jährigen ging weit über den eines gewöhnlichen Hausmeisters hinaus. Neben Instandhaltungen und Reparaturen organisierte er die Veranstaltungen im Stadtsaal mit und kümmerte sich um die Technik sowie Licht und Ton. 'Und bei Pannen konnte ich durch meine Erfahrung immer rechtzeitig reagieren', sagt Loos. So sei er immer sofort zur Stelle gewesen, wenn bei einem Ball der Stöckelschuh einer Dame abgebrochen oder der Dessousträger gerissen war.

Nach so vielen Jahren als Hausmeister hat Loos die ein oder andere Anekdote auf Lager. 'Den Rücken der farbigen Sängerin Beauty Milton musste ich einmal mit Butter einreiben.' Und einem Pianisten zuliebe kürzte er die Beine eines Klavierhockers mit der Säge. 'Unser damaliger Kater Heinrich stand sogar bei einem Auftritt des Kulturrings im Rampenlicht', so Ingrid Loos. Bei dem Lied 'Die Katze lässt das Mausen nicht' habe der Sänger ein Wiener Würstchen mit einer Schnur über die Bühne gezogen - dem das Tier bereitwillig gefolgt sei.

Mit so vielen Erinnerungen fällt Ingrid und Rolf Loos der Umzug sichtlich schwer. 'Als die Stelle als Hausmeister offiziell ausgeschrieben wurde, habe ich einige schlaflose Nächte verbracht', betont er. Mancher Bewerber hätte den Stadtsaal nämlich gerne in eine Disco verwandelt. Doch dann kam das große Aufatmen: Sohn Julian (28) bekam die Stelle. Damit ist der Abschied vom Stadtsaal nicht endgültig.

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