Kempten / Oberstdorf
Die Gesichter einer Stadt

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Die Idee zu diesem Projekt entwickelte Reiner Metzger im Gespräch mit dem Kemptener Oberbürgermeister Dr. Ulrich Netzer und seiner Museumsleiterin Ursula Winkler. Der Fotograf Metzger schlug vor, Menschen aus Kempten vor die Kamera zu bitten. Die Gesichter einer Stadt wollte er zeigen, einen Querschnitt durch die Gesellschaft - vom Pfarrer bis zum Bordellbesitzer, von der Bäckerin bis zum Bürgermeister, von der Schülerin bis zur Seniorin. Nun liegt das Ergebnis vor: ein wunderschöner, hochwertiger Bildband mit rund 100 Porträts von Kemptener Bürgerinnen und Bürgern. Außerdem werden die Originalabzüge im Kornhaus ausgestellt.

Zwei Jahre lang ist Reiner Metzger (52), der in Oberstdorf lebt, immer wieder nach Kempten gefahren. In der Tasche hatte er eine Liste von Menschen, die er fotografieren wollte, einfache Leute und Prominente. Die Namen hatte er sich von der Stadt sowie von Freunden und Bekannten geben lassen. Manchmal sprach er auch einfach Leute auf der Straße an, etwa Thai Nguyen Hong, der in einem Asia-Restaurant beschäftigt war und gerade den Hinterhof kehrte.

Kaum einer hat Reiner Metzger einen Korb gegeben. Die meisten, bei denen er anklopfte, traten vor seine Kamera. Mal ging er ganz nah an die Gesichter heran. Dann sieht man die kleinste Falte, das dünnste Barthaar. Oft fotografierte Metzger die Menschen an ihrer Arbeitsstätte oder in ihrer Wohnung ab. So oder so erzählen die Bilder viel von den Porträtierten.

Der Fotokünstler Metzger hat sich einen Namen gemacht mit qualitativ herausragenden wie eigensinnigen Landschafts-Aufnahmen und Bergbewohner-Porträts. Auch bei seinem jüngsten Projekt gelingt es ihm immer wieder, im richtigen Augenblick auf den Auslöser zu drücken - wenn der Blick, die Mimik und die Gestik Wesentliches über den Fotografierten erzählen.

Inmitten von Luxusautos

Zugleich vermittelt Metzger viel von den - sehr unterschiedlichen - Lebenswelten, die es in solch einer Stadt gibt. Während die Perlenwicklerin Ingrid Stracke in einer engen Küche sitzt, steht der Autohändler Jörg Seitz inmitten seiner Luxuswagen. Schrott-Transporteur Alfred Wegmann lächelt vor seinem Traktor, Bäckerin Hermine Altstetter präsentiert eine hölzerne Brotschaufel

Wie schon bei seinen fazinierenden Bildern von Bergbewohnern inszenierte Metzger seine Kemptener Porträts in einer ruhigen Stimmung, aufgenommen mit analogen Kameras auf Schwarzweiß-Filmen. Alles Grelle, Bunte, Freundlich-Elegante interessiere ihn nicht, erklärt er. In einer Welt der Reizüberflutung wolle er kontemplative Bilder machen. Das gelingt ihm auf vorzügliche Weise. Der weiche Duplexdruck auf mattem Papier verstärkt den kontemplativen Charakter.

Das Buch ist zweifellos ein zeitgeschichtliches Dokument für Kempten. Aber es weist zugleich über die Stadt hinaus, hat eine universelle Gültigkeit, ist gewissermaßen eine Momentaufnahme aus dem beginnenden 21. Jahrhundert.

Neben den menschlichen Gesichtern widmete sich Metzger auch den architektonischen Gesichtern. Die Aufnahmen von Straßen, Kreuzungen, Häusern und Stadtteilen würden wohl in keinem Werbeprospekt über Kempten auftauchen. Sie zeigen eine Stadt mit schönen, aber auch hässlichen Seiten. Insofern ein rundum gelungenes Kempten-Porträt.

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