Die Fürsorgepflicht führt zum Chaos

Memmingen (syr). - 'Eigentlich handelt es sich bei der Praxisgebühr um eine Regelung zwischen Privatperson und Arzt' erklärt Stefan Jüttner von der Heimaufsicht Memmingen. Jedem Seniorenheim bleibe es aber selbst überlassen, ob es sich um die Praxisgebühr seiner Bewohner kümmere. Die meisten sehen es indes als ihre Plicht an, Hilfestellung zu geben. Aber: Seit Einführung der Gesundheitsreform klagen die Altenheime über den enorm hohen Verwaltungsaufwand. Rein rechtlich seien die Heime nicht verpflichtet, für die Quartalszahlungen zu sorgen. Tun sie es dennoch, so sei es legitim, Gebühren für den erhöhten Aufwand zu verlangen, sagt Jüttner. Das Memminger Bürgerstift hat laut Matthias Ströher vom Sozialen Dienst folgende Lösung gefunden: Für alle, die ihr Geld hinterlegt haben, wird die Gebühr gezahlt. Aufwendig ist, 'dass wir alles koordinieren müssen', sagt Ströher. Steht eine Quartalszahlung aus, sei die Heimleitung erster Ansprechpartner des Arztes. Damit es soweit erst gar nicht kommt, legen das BRK-Pflegeheim Buxheim und das Memminger Altenheim St. Ulrich das Geld für alle aus. Nur so sei es möglich, Rezepte und Überweisungsscheine für absehbare Untersuchungen pünktlich zu erhalten. Nachdem man den Hausarzt jedes Bewohners abgeklappert habe, könne man den riesigen Aufwand seit der Gesundheitsreform aber noch lange nicht abhaken, betont die Verwaltungsangestellte des BRK-Pflegeheims Renate Brauchle.

Nach Behandlungen aufgrund von Notfällen am Wochenende benötige man den zusätzlichen Zehn-Euro-Beleg des diensthabenden Arztes oder des Krankenhauses und schließlich müsse man sich noch um Rückerstattung der Transportkosten kümmern. Außerdem seien Praxisgebühr, teure Privatrezepte und Inkontinenzprodukte (zum Beispiel Windeln) besonders für Sozialhilfeempfänger kaum erschwinglich. 'Diese Leute verfügen doch nur über ein Taschengeld von 87 bis 130 Euro', entrüstet sich Brauchle. Auch Marianne Jansons von der Heimleitung St. Ulrich berichtet von einem Verwaltungs-Chaos. Denn: 'Jeder muss individuell betreut werden.' Und hierbei geht das St.-Ulrich-Altenheim sogar noch einen Schritt weiter als die anderen. Denn Jansons erledigt für alle Bewohner sogar noch den Antrag auf Rückerstattung der Zuzahlungen, über zwei oder, bei chronisch Kranken, ein Prozent des Bruttojahreseinkommens. Nachdem mit den Angehörigen, Betreuern oder dem Bewohner selbst die Rückzahlung der vorgestreckten Gebühr geregelt ist, sammelt auch Jansons Tag für Tag Belege. Am Monatsende wird alles mit der Apothekenrechnung aufaddiert. Gebühren für den zusätzlichen Aufwand werden deshalb von keinem der drei Heime verlangt. Die Leistung versteht Jansons als 'Fürsorgeplicht'. Auch der Vorsitzende des ärztlichen Kreisverbandes Memmingen/Mindelheim, Dr. Max Kaplan, spricht davon, dass Seniorenheime die Funktion von Angehörigen erfüllen sollten. Von Heimen, die dieser Pflicht nicht nachkommen, erwartet er 'mehr Kooperationsbereitschaft'.

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