Der mörderische Duft der Liebe

Von Rosemarie Schwesinger Sonthofen Die Ingredienzen eines guten Parfüms sind absolute Geheimsache und werden fast so sorgfältig gehütet wie die staatlichen Goldreserven. Um die richtige, Sinnes betörende Mischung in die Flakons zu zaubern, sind weltweit die besten Riechorgane (hochdotiert) im Einsatz. Aber keiner kann sich auch nur ansatzweise messen mit jenem monströs genialen Jean-Baptiste Grenouille, dem Patrick Süskind in seinem bizarren Mörder-Psychogramm Das Parfum ein Denkmal gesetzt hat. Ziemlich starker Tobak diese absurde Geschichte aus dem Paris des achtzehnten Jahrhunderts! Da strichen so manche, ansonsten eingefleischte Süskind-Fans bei der Lektüre die Segel und warfen das Buch halbgelesen in die Ecke. Denen konnte jetzt geholfen werden bei einer Lesenacht mit Herbert Zemann, dem Astrid Bauer mit bezaubernden Flötentönen und der perfekte (Süskindsche) Kontrabassist Tiny Schmauch musikalisch virtuos zur Seite standen. Wie die lebhafte Publikumsresonanz (viele Schüler der oberen Jahrgangsstufen waren dabei) in Sonthofens Kulturwerkstatt bewies, scheint die Faszination der sprachlichen Eleganz und der brillanten phantastischen Erzählkunst des Autors alle thematischen Vorbehalte zu besiegen. Zumal Herbert Zemann die Lesung mit leiser nuancierter Stimme und beredter Gestik als Einpersonen-Stück zelebrierte und die musikalische Begleitung den Reiz sämtlicher Sinne um eindrucksvoll abgestimmte Klang-Facetten bereicherte.

Zäh wie ein resistentes Bakterium übersteht das monströse Kind Jean-Baptiste sämtliche lebensfeindliche Ereignisse. Zunächst einmal die Geburt unterm Schlachttisch eines Pariser Fischmarktes, später dann den gemeinhin absolut tödlichen Milzbrand in einer Gerberwerkstatt (nachdem er zuvor mehrere Ammen gierig leergetrunken hatte). Aus reinem Trotz und reiner Boshaftigkeit bleibt er am Leben ausgestattet mit einem geradezu infernalischen Geruchssinn, der ihn zum größten Parfümeuier der Welt und zu einer der abscheulichsten Gestalten seiner Epoche werden lassen sollte. Weil er mit sechs Jahren seine Umgebung geruchsmäßig vollständig erfasst hatte (er sah den Markt riechen), dürstete es Jean-Baptiste Grenouille nach dem Menschenparfum, das er aus den Düften schöner junger Mädchen kreieren wollte. Ein Parfum wie eine Sinfonie, gewonnen aus den höchst unterschiedlichen Duft-Komponenten von 25 jungfräulichen Schönen. Er muß sie töten im Schlaf, damit ihre sensiblen Düfte erhalten bleiben. Dieser Duft der Liebe entfaltet magische Kräfte, befreit ihn vom Schaffott und lässt die gesamte Bevölkerung im infernalischen Sexrausch taumeln bis man ihn aus lauter Liebe auffrisst. Es war ein langer Leseabend, der den Zuhörern eine gehörige Portion Durchhaltevermögen abverlangte. Herbert Zemann liebt dieses Buch mit seiner hintergründigen absurden Botschaft und das kam rüber und bot noch so manchen Diskussionsstoff anschließend beim Heimgang in der frostigen Nacht.

Das könnte Sie auch interessieren

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen
Powered by Gogol Publishing 2002-2018