Der Frosch ist nur manchmal aus Gold

Von Thilo Jörgl, In einem Artikel auf der Seite 'Allgäu Kultur' haben wir unlängst über ehemalige Marktoberdorfer Schüler berichtet, die am musischen Zweig des Gymnasiums ihr Abitur abgelegt haben. In loser Reihenfolge stellen wir einige ehemalige Schüler in kurzen Porträts vor. Marktoberdorf/Oxford Mit diesem typisch englischen 'Hello' - das 'o' in der Tonhöhe ansteigend - meldet sich auch Jutta Walcher am Telefon. Wüsste man nicht, dass sie Deutsche ist, man hielt die Bogenbauerin für eine waschechte englische Lady. Eine Lady aus Oxfordshire. Doch die Frau am Ende der Leitung redet sogleich anders. Wenn man sich als Deutscher zu erkennen gibt, spricht sie nicht nur mit der gleichen Zunge, sie redet auch ein bisschen Dialekt. Ostallgäuerisch. Unterkategorie Oberdorfer Mundart. Fast zwanzig Jahre ist es nun her, dass die heute 38-Jährige im Gymnasium für ihre Abiturprüfungen gelernt und im Schulchor bei Arthur Groß gesungen hat. Doch 1985, das Abiturzeugnis in der Tasche, zog es Walcher in die weite Welt hinaus. Die war zwar mit dem Augsburger Konservatorium nicht gerade weit weg, aber ihren musikalischen Horizont konnte sie allemal erweitern. Bis Ende der 80-er Jahre absolvierte sie in der Lechstadt ihre Ausbildung als Musiklehrerin. Studierte Klavier und Bratsche. 'Doch ich wollte etwas Handwerkliches machen', erzählt Walcher. Zur Orchestermusikerin habe ihr das Zeug gefehlt, gibt sie offen zu. Zu ihrem heutigen, Beruf, dem Bogenbauer, kam sie letztendlich per Zufall.

Eine Woche Arbeit für einen Bogen Es war bei einer Party bei ihrer Schulkameradin Cordula Wagner, die in Mittenwald den Beruf der Geigenbauerin erlernte. 'Dort traf ich eine Freundin, die Bogenbauerin war.' Nachdem sich die beiden ausgetauscht hatten, beschloss die Allgäuerin, den Beruf bei einem Altmeister unter den Bogenbauern zu lernen. Den fand sie in England. In einem kleinen Ort bei London. Seit 1993 ist Walcher nun selbstständig, lebt mittlerweile in Oxford bei London. Landläufig glauben zwar viele, dass bei einer Geige der Bogen gleich mitgeliefert wird und nur das bauchige Instrument von guter Qualität sein muss. Wer mit Walcher redet, wird eines Besseren belehrt: 'Jeden Bogen, den ich herstelle, ist ein Unikat.' Eine gute Geige und ein guter Bogen machen also den guten Ton aus.

1500 Euro für einen Bogen Dass Bogenbauen mehr ist, als ein paar Pferdehaare an einem Holzstiel zu befestigen, darüber kann Walcher ein Lied singen: Es kommt auf die Qualität des Holzes an, die Form des Bogens, die Flexibilität der Haare, die Spannung. Im Schnitt eine Woche werkelt Walcher mit Säge, Feile und viel Fingerspitzengefühl an einem Bogen. Gut 1500 Euro legt ein Profi-Geiger für so einen Bogen hin. Und wenn der Frosch, also das Teil, an dem die Haare befestigt sind, aus Gold ist, kommt man unter 7000 Euro nicht weg. 'Doch solche Aufträge sind eher die Ausnahme', sagt Walcher. Die Regel sind dagegen neue Bezüge. So nennt man im Fachjargon, das Aufziehen und wechseln der Haare auf einen schon vorhandenen Bogen.

Profi-Musiker sind ihre Kunden Dass sich Walcher mit ihrem Partner in einer Werkstatt in Oxford niedergelassen hat, hat seinen Grund. Gut zehn Profi-Orchester haben ihren Sitz in London. Diese Musiker, die unter James Levine oder Lorin Maazel die Bögen schwingen, sind ihre Kunden, Stammkunden genauer gesagt. 'In der Regel wechselt man als Geiger nicht seinen Bogenbauer', erzählt Walcher. Viel Auswahl habe man ohnehin nicht. Nicht mal zwei Hände voll Bogenbauer gibt's in England. Und als Allgäuerin ist sie die Exotin unter den Wenigen. Gut bekannt ist Walcher inzwischen mit vielen Profi-Violinistin aus den Londoner Orchestern. Regelmäßig schauen sie in ihrer Werkstatt vorbei und verlassen sich auf Rat und Tat der Allgäuerin. Obgleich Walcher selbst kaum mehr Zeit findet, die eigene Bratsche in die Hand zu nehmen, ist sie immer noch der Musik eng verbunden. Sie singt als Amateurin im 'Philharmonia Chorus'. Richtig entspannen kann die Spannerin von Berufswegen dagegen wenn sie zum Telefon greift - und ins Allgäu telefoniert. Zu ihrer Mutter oder ihrer Freundin, der Geigenbauerin Cordula Wagner aus Bidingen. Dort meldet sie sich wohl nicht mit einem englischen 'Hello'. Eher mit einem landestypischen 'Griasdi'.

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