Der Ameisler sammelte das Futter für Zierfische

Ungerhausen/München (syr). Wer glaubt, dass 'Köter' nichts anderes als ein Schimpfwort für einen Hund ist, der 'Lustgärtner' sich gerne mit Frauen einlässt oder, dass sich hinter einem 'Wadenspanner' vielleicht ein Foltergerät verbirgt, der täuscht sich. 'Köter', so wurden früher manche Kleinlandwirte genannt. Der 'Lustgärtner' pflegte die Parkanlagen reicher Bürger oder Adeliger. 'Wadenspanner' ist die Bezeichnung für einen Fischer, der mit der 'Wade', einem großen Netz, auf Fischfang ging. 'Und der ,Ameisler' war', Burkhard Küster, der stellvertretende Abteilungsleiter Berufliche Schulen am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) in München, ist in seinen Ausführungen kaum zu bremsen. 'Ich bin Feuer und Flamme', strahlt er. Zwei Jahre lang hat der Ungerhausener Literatur gewälzt, Forschung betrieben und ein unzählige Seiten langes Austellungskonzept zum Thema Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der 'grünen Berufe' (zum Beispiel Landwirt, Gärtner oder Molkereifachmann) entworfen. Am heutigen Freitag wird die Dauerausstellung im Deutschen Museum in München eröffnet. Es handelt sich dabei um ein Pilotprojekt des Modellversuchs 'Visualisierung von Entstehung und Entwicklung der Berufsausbildung in Deutschland (VISUBA)'. Das ISB, die Stadt München und das Deutsche Museum sind die Träger des Modellversuchs, gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus. Die Vorstellung anderer Berufsfelder, etwa auch aus dem Bereich Druck und Medien sowie Wirtschaft, sollen folgen. Küster kennt sich mit 'grünen Berufe' bestens aus. Schon während seiner Schulzeit stellte er kleine Zäune an Straßenrändern auf, um Frösche vor Autos zu schützen. Danach hat er Biologie, Gartenbau und Agrarwirtschaft studiert, war Lehrer an beruflichen Schulen und arbeitet seit fünf Jahren am ISB.

'Berufe sind Momentaufnahmen' 'Berufe sind Momentaufnahmen der Zeit, sie verändern sich', sagt Küster. Vor der Industrialisierung seien 90 Prozent der Bevölkerung in der Agrarwirtschaft tätig gewesen. Küster zufolge leiten sich davon auch Familiennamen ab. Ein 'Huber' hatte etwa so viel Besitz, dass er davon eine Familie ernähren konnte. Ein 'Meier' verwaltete einen Gutshof und ein 'Köhler' stellte Holzkohle her. 'Wenn wir die Ursprünge unserer Berufe und der Berufsausbildung kennen, kommen wir zu einem tieferen Verständnis der aktuellen Lage', betont der Lehrer. Die Ausstellung sei deswegen nicht nur für Jugendliche in der Berufsfindungsphase interessant. 'Viele berufliche Probleme, die es heute gibt, kamen schon früher vor', erklärt er und fügt hinzu 'aber es gab immer Lösungsmuster. ,Grüne Berufe' haben sich konstant gehalten.' Die schlechte Situation auf dem Arbeitsmarkt sieht er jetzt 'mit einer anderen Brille als vorher'. Er sei optimistisch, dass es wieder aufwärts geht. Für die Zukunft entwirft er zum Beispiel das Bild des 'Agrarsystem-Managers, der satellitengestützt vom Wohnzimmer aus seine Maschinen steuert'. Der 'Ameisler' war übrigens jemand, der die Puppen von Waldameisen gesammelt und in der Stadt als Futter für Zierfische verkauft hat. Der letzte bekannte 'Ameisler' lebte im 19. Jahrhundert.

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