Der Albtraum vom Eigenheim

Kaufbeuren (avu). - Seit Wochen lebt das Ehepaar S. in einer Ferienwohnung. Von Urlaubslaune kann allerdings keine Rede sein. Die Geschäftsleute warten auf die Fertigstellung ihres Hauses, das sie bereits im Herbst 2003 beziehen wollten. In der Zwischenzeit hat die Familie viel Geld verloren, Schwarzarbeiter pfuschten im Auftrag einer slowenischen Firma auf der Baustelle, einer starb nach einem Unfall später im Krankenhaus. 'Hätten wir gleich auf heimische Firmen gesetzt, wäre das alles nicht passiert', sagt Herr S. Der Traum vom Eigenheim war für das Ehepaar S. im Frühjahr 2003 ein Niedrigenergiehaus in so genannter Holzständerbauweise. Anbieter war ein Unternehmen mit Sitz in der Nähe von Dingolfing, welches das Heim schlüsselfertig auf einem Grundstück in Apfeltrang erstellen sollte. Der Vertrag über ein Komplettangebot einschließlich Doppelgarage und Außenanlagen wurde 'sehr günstig für unter 200000 Euro' abgeschlossen. 'Treffen am Firmensitz wurden immer kurzfristig abgesagt', erinnert sich S. 'In unserer Euphorie und weil uns unser Geschäft einspannte, haben wird nicht weiter nachgedacht.' Vertraglich zugesagt war die Fertigstellung für September 2003. Für diesen Zeitpunkt kündigte das Ehepaar seine Wohnung in Immenhofen. Dann fingen die Probleme an. Die Hausbaufirma arbeitete mit Subunternehmern. Eine Ostallgäuer Firma zum Beispiel sollte den Keller erstellen, verlangte aber vom Generalunternehmer nach Baubeginn eine Bürgschaft, die sie trotz mehrmaliger Aufforderung nicht bekam. Die unbezahlte Arbeit wurde eingestellt. Der Generalunternehmer schickte slowenische Bauleute. 'Das waren Schwarzarbeiter', vermutet S. heute. Auch seien Abschlagszahlungen fällig geworden mit der Begründung, dass erst mit diesem Geld neues Baumaterial angeschafft werde. Zwischenzeitlich war es August und nur der Keller war fertig. Dann kam die Wende. Der Arbeiter eines weiteren Subunternehmers starb in der Klinik an den Folgen eines Unfalles, der sich auf der Baustelle ereignet hatte. 'Einige Bauarbeiter sind geflüchtet, als Polizei und Berufsgenossenschaft kamen', so der Geschäftsmann. Die Baustelle wurde stillgelegt. Derzeit läuft ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung gegen die damals auf der Baustelle verantwortliche Firma. Das Ehepaar S. schaltete einen Rechtsanwalt ein, setzte dem Generalunternehmer eine Frist für die Fertigstellung und - weil nichts passierte - kündigte zum 15. November 2003 den Vertrag. Die Marktoberdorfer Holzbaufirma Formann stellt nun das Haus fertig. Neuer Einzugstermin: April 2004. 'Das was wir vorgefunden haben, war nicht der Standard hiesiger Firmen', urteilt Firmenchef Frank Formann. Viele Teile entprachen nicht der Planung, standen wochenlang im Regen. 'Das war alles feucht', so der Bauherr.

Nichts mehr zu holen Der Kaufbeurer Anwalt des Ehepaars S., Thomas Müller, spricht zwar von einem 'Rückzahlungsbegehren' gegenüber der Hausbaufirma bei Dingolfing. 'Vermögenswerte sind dort allerdings nicht vorhanden. Die Frage ist nun, wie kommt man da mit einem tiefblauen Auge heraus.' Unter den im Internet und auf dem Briefpapier angegebenen Telefonnummern des Unternehmens (Werbespruch 'Qualität und Vielfalt') ist es nicht mehr zu erreichen. Nach Erkenntnissen des Anwalts warten weitere Handwerker im Allgäu auf Zahlungen der Hausbaufirma. Eine Familie ist in Altusried (Oberallgäu) ebenfalls auf dem unfertigen Keller ihres geplanten Hauses sitzen geblieben. Das Kaufbeurer Ehepaar hat den Traum vom Eigenheim teuer bezahlt. 'Wir mussten noch für die Entsorgung der gelieferten Hausteile aufkommen', so der Geschäftsmann. Die einst kalkulierten Kosten für den Hausbau sind um ein Drittel gestiegen. Jeden Tag fährt das Ehepaar auf dem Weg von der Ferienwohnung in Ebenhofen zu seinem Geschäft an der Baustelle in Apfeltrang vorbei. 'Hätten wir nur eine heimische Hausbaufirma beauftragt', sagt Herr S. 'Die haben alle einen Ruf zu verlieren und hätten zum gleichen Preis mehr Qualität geboten.'

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