Den Körper immer im Griff

Von Thilo Jörgl, Marktoberdorf - Wir Ottonormal-Sportler, die ein halbes Leben in gekrümmter Haltung vor dem Computer verbringen und nur unter einem tiefen Stöhnen bei durchgedrückten Knien mit den Fingern den Boden berühren können, haben gestaunt. Dass eine Artistin des Chinesischen Nationalcircus' im Modeon auf dem Bauch liegend ihren Rücken so verbiegen konnte, dass die Knie den Kopf berührten, hält man eigentlich für unmöglich. Und als die Künstlerin ihren zierlichen Körper in die Luft stemmte und sich dabei nur mit den Zähnen an einer Stange hielt, fiel so manchem die Kinnlade herunter.

Gummikörper Ja, was 24 Artistinnen und Artisten des Chinesisch Nationalcircus an Körperbeherrschung und Eleganz zeigten, war an Perfektion nicht zu überbieten. Ihre Körper schienen aus Gummi, nicht Fleisch und Blut zu sein. Kein Wunder also, dass aus dem Szenenapplaus im nicht ganz ausverkauften Modeon bisweilen ein Dauerapplaus wurde. Und zurecht. Während keiner Nummer der Artisten aus dem Land der Mitte machte sich Langeweile oder ein Das-kenn-ich-doch-schon-Gähnen breit. Unter dem Motto 'Dschingis Khan - eine mongolische Faszination' hatte die Artisten ein zweistündiges Programm zusammengestellt, das immer wieder mit neuen Einfällen überraschte. Vier übereinander stehende Mongolen, Muskelpakete, die ihren Körper an einer Hand in die Höhe stemmen, zierliche Frauen, die auf allen Extremitäten brennende Kerzen balancieren - das war noch halbwegs nachvollziehbar. Wie man aber mit einem Fuß Einrad fährt und mit dem anderen eine Schüssel so exakt durch die Luft schleudern kann, dass eine Partnerin sie mit dem Kopf, auf dem sich schon ein Dutzend Schüsseln befinden, 'fangen' kann, entbehrt fast jeder Vorstellungskraft. Und wie man kloschüsselgroße Porzellantöpfe mit dem Nacken 'fangen' kann, hätte man nicht geglaubt, wenn es nicht vor der eigenen Nase passiert wäre. Ob dieser artistischen Höchstleistungen und Einblicke in fernöstliche Akrobatik verzieh man den Produzenten auch, dass die dargebotenen Nummern mit der immer wieder eingeblendeten Biografie des blutrünstigen Mongolen-Führers Dschingis-Khan nicht immer ganz in Verbindung gebracht werden konnten. Der schnauzbärtige Khan konnte im 13. Jahrhundert zwar mit unglaublichen Willen sämtliche Mongolen-Stämme und schließlich ganz China unterwerfen. Das lag aber wohl mehr am Kampfgeist der Mongolen als an ihren artistischen Leistungen. Gut, dass die sportlichsten Mongolen heute ihr Können auf dem Einrad und nicht säbelrasselnd auf dem Pferd zeigen.

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