Dem Fan hilflos ausgeliefert

Von Rosemarie Schwesinger Oberstdorf Es ist ein Stoff für Alpträume, den Stephen King mit seinem Roman Misery zur Feder ließ. Der schmale Grat zwischen Wahn und Wahnsinn, ein mörderisches Spiel von Macht und Ohnmacht, und die totale Inbesitznahme eines Menschen durch einen anderen, bilden das thematische Raster für einen wahren Psycho-Thriller. Nach dem Filmerfolg schuf Simon Moore eine Bühnenfassung, die jetzt vom Memminger Theater am Schweizerberg (Inszenierung Roland Dippel, Damaturgie Ulrike Aistleitner) in Oberstdorf zur Aufführung kam. Nun ists gewiss ein schwieriges Unterfangen, mit den bescheidenen Mitteln einer kleinen Bühne gegen ein opulent ausgestattetes Filmereignis anzutreten und überhaupt diesen bizarren, schwer verdaulichen Stoff unters Volk zu bringen. Dennoch hätten die beiden hervorragend agierenden Protagonisten Joséphine Weyers und André Stuchlik mehr Publikum verdient als die wenigen Unverdrossenen, die an diesem Abend dem Schneetreiben draußen trotzten. Der Wunsch, einen anderen Menschen total besitzen zu wollen, hat schon mancher Liebesbeziehung den Garaus gemacht. Was aber passiert, wenn der eine dem anderen (auf Grund körperlicher oder geistiger Gebrechen) hilflos ausgeliefert und der Unversehrte und somit der Stärkere, ein Psychopath ist? Bei Misery wird dieses Gedankenspiel zu einem beklemmenden Psychogramm weitergesponnen. Bestsellerautor Paul Sheldon macht sich nach einer triumphalen Preisverleihung per Auto auf den Weg zu einem einsamen Berggasthof, wo er sich nach einer Serie von romantisch-kitschigen Misery-Romanen literarisch neu orientieren möchte. Er verunglückt und wird von der ehemaligen Krankenschwester Anni Wilkes zufällig gefunden und in ihr Haus gebracht. Dort pflegt Anni den lange Zeit bewußtlosen und schwer verletzten Patienten zunächst hingebungsvoll und uneigennützig. Bis sie beim Durchstöbern seiner Sachen entdeckt, welchen Schatz sie da geborgen hat ihren vergötterten Lieblingsautor. Als sie wenig später den soeben preisgekrönten Roman Miserys Kind kauft und verschlingt, ist sie allerdings weniger begeistert: Dass Misery am Ende des Romans stirbt, ist für sie eine Katastrophe, die einer realen Begebenheit gleichkommt.

Sheldon muss diesen Roman umschreiben und Misery wieder zum Leben erwecken. Schließlich ist sie sein allergrößter Fan, für den diese Roman-Serie sozusagen der Ersatz für ein ungelebtes Leben bedeutet. Mit gnadenloser Besessenheit spielt Anni ihre Macht aus. Paul längst von ihr drogen- und schmerzmittelabhängig gemacht hat keine Wahl. Es gibt keinerlei Verbindung zur Außenwelt. Um überhaupt irgendwie zu überleben, muss er tun, was sie von ihm verlangt. In zuweilen fürs Publikum ermüdend langatmigen Sequenzen szenenlang wird das Licht an- und ausgeknipst, szenenlang ist nur das Stöhnen des Gemarterten zu vernehmen soll der Psycho-Terror veranschaulicht werden. Was im Beipackzettel als Schizotypische Persönlichkeitsstörung, ein tiefgreifendes Muster sozialer und zwischenmenschlicher Defizite, erläutert wurde, lebt diese Anni gnadenlos aus. So muss sie dem Geliebten die Flügel beschneiden, den Fuß abhacken, seine Gedanken und Geschichten umpolen, um ihn restlos zu besitzen Wie gesagt ein wahrer Alptraum das Ganze und zuweilen recht zähflüssig inszeniert. So galt der Applaus des Publikums wohl vor allem den beiden überzeugenden Akteuren Joséphine Weyers und André Stuchlik.

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