dass unser Auge aufhört zu zappeln

Memmingen (br). - Die Sonne scheint schräg von oben durch die Kirchenfenster von St. Johann. Das Licht fällt auf einen Blumenstrauß im Altarraum, bringt dessen gelbe, lila und weißen Blüten zur Geltung. Es ist kurz nach 12 Uhr am Mittag. Während draußen Jahrmarkt-Getriebe herrscht, umfängt einen im Kirchenraum Ruhe. Leise erklingt Harfenmusik. Es ist '5 nach 12': Mit just diesem Titel ist überschrieben, was der Liturgiekreis von St. Johann jeden Dienstag und Samstag anbietet; eine gute Viertelstunde Auszeit vom Alltag. In der Kirche. Mit Texten, Musik, mit Nachdenkenswertem, mit Beruhigendem. Nach und nach tröpfeln Frauen und Männer ein, begeben sich in verschiedene Kirchenbänke, während Ellen Weckwerth in der ersten Reihe, mikrophonverstärkt, ihre Gedanken verliest. Die 75-jährige gehört dem Kirchengemeinderat von St. Johann an, darüber hinaus dem Liturgiekreis; auch ist sie Kulturreferentin beim Altenwerk St. Johann.

Von einem 'Neuanfang für unser Gemüt in diesen Tagen des wetterwendischen Frühlings' ist die Rede, vom wohlmeinenden Gott und Vater, 'der uns einen großen Sommer schenkt'. Jener Gott, der auch leise Monate beschere, 'der das Geschrei aus der Welt nimmt'. Der auch mit Kriegstreibern nichts im Sinn habe. Dank wird ausgesprochen, aber auch die Bitte, 'dass unser Auge aufhört zu zappeln und unser Ohr wieder richtig hört'. Die Texte und die Art, wie sie vorgetragen werden, vermögen einen in Ruhe zu versetzen. Sie geben Anstoß, wirken tröstlich. 'Ich weiß schon, dass Du uns durchschaust', wendet sich die Frau am Mikro an den Vatergott, wobei sie sich sicher ist: 'Wir kommen von Dir und wir gehen zu Dir.' Initiiert worden war das Angebot '5 nach 12' vor sechs Jahren vom früheren Mesner von St. Johann, Gottfried Mrzyk. Ein Innehalten im Alltag passe zum Anliegen des Architekten der Kirche, die vor über 500 Jahren bewusst an den Markt gebaut worden sei. Ein wechselndes Team, darunter Studenten und Schülerinnen, betreut seit 1998 '5 nach 12'. Ellen Weckwerth ist jene, die zur Zeit am meisten eingebunden ist, 'jeden zweiten Samstag und jeden Dienstag'. Der 75-Jährigen fehlt es bei allem Sinn für Meditatives nicht an Bodenhaftung: Seit Jahren renoviert die Kunststoff-Formgebermeisterin das Färberhaus in der Zangmeisterstraße. Sie nimmt die große Hilti ebenso selbstverständlich zur Hand, um Mauern zu durchbrechen, wie sie Fußböden verlegt, Treppen betoniert oder Bäder und Duschen einbaut. Die Zeit für die Besinnungspause in St. Johann lässt sie sich allerdings nicht nehmen. Sie kann dabei inzwischen auf Stammgäste zählen: Menschen, die sich die '5 nach 12'-Zeit reservieren.

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