Buchloe / Lindenberg
«Das war Improvisation pur»

Am Anfang war der Christbaumständer. Der selbst zusammengeschraubte Christbaumständer aus dem Boden einer Geschosshülse. Sein Vater klärte Herbert Wintersohl einst darüber auf, was es mit dem Gegenstand auf sich hat. Aus dieser scheinbar nebensächlichen Geschichte wuchs in Herbert Wintersohl die Neugierde darauf, wie die Menschen in der Zeit unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs lebten, wie sie im harten Alltag überlebten. Denn, so Wintersohl: «Der Krieg war zu Ende, aber das Leben wurde erst einmal nicht besser, es wurde schlimmer.»

Der Buchloer begann damit, Gegenstände und Dokumente aus der Zeit nach dem Krieg zu sammeln. Einen Teil davon präsentiert er nun erstmals in seiner Ausstellung im Lindenberger Armenhaus. «Not-Lösungen, Alltag im Nachkriegsdeutschland 1945 bis 1948» hat Wintersohl die Schau mit rund 150 Gegenständen und Dokumenten genannt. Er zeigt ehemaliges Rüstungsmaterial, das in Gebrauchsgegenstände umgewandelt wurde, «die eindrucksvollsten Sachzeugen dieser schrecklichen Jahre», sagt der Ausstellungsmacher.

Da ist die ehemalige Gasmaskendose, die plötzlich als Milchkanne ein zweites Leben erhält. Oder der Mundschutz der Maske, der teils zum Ölkännchen, teils zu einem Schaumlöffel umgebaut wurde. Daneben: Jede Menge kleiner Töpfchen, Kasserolen oder Becher. Eines ist allen gemein: Sie wurden aus einer Geschosshülse geschnitten.

Ein Stück Flugzeug-Aluminium wurde kurzerhand zur Kohlenschaufel, die ballistische Haube einer Panzerfaust zum Trichter und die Konservendose zur Kartoffelreibe. «Das war Improvisation pur», sagt Wintersohl. Besonders stolz ist der quirlige Mann auf ein Exponat, das im Armenhaus an der Decke hängt: ein Außentank des Jagdflugzeuges Me 109. Er diente ab 1945 zunächst als Kinderbadewanne und später als Boot auf einem Mühlweiher.

Viele seiner Ausstellungsstücke hat Wintersohl auf dem Flohmarkt erworben oder gezielt im Internet ersteigert, «manchmal kommen die Leute auch direkt auf mich zu». So ist er auch an Dokumente gekommen aus der Zeit der Besetzung Deutschlands. Die Zeugnisse der speziellen militärischen Regeln und Vorschriften hat er fein säuberlich zusammengetragen.

Dutzende von Lebensmittelmarken, eine «Eiernachweiskarte» oder Ablieferungsbescheide der Militärbehörden werden bei manchem Besucher die Erinnerung an eine entbehrungsreiche Zeit wecken. Und in einer kleinen Installation mit «Wagenaufseher»-Mantel, Eisen bereiftem Bollerwagen samt Flüchtlingsgepäck und den dazugehörigen Papieren streift Wintersohl sogar das traurige Kapitel der Vertreibung.

Seine Schau hat der 43-Jährige als Wanderausstellung konzipiert und bereits fünf Monate lang in Peiting gezeigt. Als Mitglied im Beirat des «Fördervereins Armenhaus Lindenberg» lag es nun nahe, die Exponate in den kommenden Monaten «daheim» zu präsentieren. Auch hier hofft Wintersohl auf eine gute Resonanz. «Mir macht jede Führung eine Menge Spaß. Das schöne daran ist, dass man eine Zeit erreicht, in der man noch mit Zeitzeugen reden kann», sagt er.

Mit der Währungsreform im Jahr 1948 endet auch die Ausstellung. «Dann gab es wieder richtiges Geld und die Leute konnten sich damit etwas kaufen» - auch einen neuen Christbaumständer. Doch auch der alte aus dem Boden einer Geschosshülse fand noch lange Zeit Verwendung in der Familie Wintersohl.

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