Das Problem ist der Ball

Von Volker Geyer Lieber Rudi, die Letten wollten wir plätten - oder? Das war doch schon fest ausgemacht. Und jetzt: 0:0. Rudi, was war da los? Wenn Du mich fragst, leiden Deine Recken unter dem ganzen neumodischen Zeug, was das Fußballgeschäft heute so bietet. A propos Ball - da fängt es ja schon an: Zu meiner Kicker-Hoch-Zeit (siehe Foto von 1977) war der Ball rund und schwarzweiß kariert. Wohlgemerkt - schwarzweiß! Also wie die Trikots unserer Nationalmannschaft. Damals wussten die Spieler auf den ersten Blick, der Ball ist einer von uns. Und so hatten die Jungs mit dem Adler auf der Brust den Ledermann sofort lieb und konnten mit ihm machen, was sie wollten. Vor allem aber erkannte auch der Ball: Mensch! Die sehen ja aus wie ich. Und so ließ er bereitwillig alles mit sich machen, was die Ballverliebten mit ihm anstellen wollten - nämlich dribbeln, flanken und ins Tor hauen. Sein bester Freund war in den 70ern übrigens Gerd Müller. Denn der war nicht nur schwarzweiß wie er, sondern fast genauso rund. Mann Rudi, das waren halt noch Zeiten. Und jetzt? Jetzt ist der neue EM-Ball zwar immer noch rund, aber er hat die völlig falsche Farbe: Silber mit schwarzen Kreuzen.

Kein Wunder also, dass Deine Truppe mit dem 'Leder' (das heute ein High-Tech-Teil ohne Tierhaut ist) nichts anfangen kann - und umgekehrt. Zudem heißt das Runde ja auch nicht mehr Ball, Kulle oder Kirsche, wie zu meiner Zeit, sondern 'Roteiro'. Roteiro hört sich ja an, als wenn er von vorneherein für eine anderer Mannschaft spielen würde - also für Portugal oder sonst ein Land im Süden. Lieber Rudi, da hätte der Deutsche Fußballbund früher einen Riegel vorschieben müssen. Der Ball müsste schwarzweiß sein oder zumindest einen Namen haben wie Franz, Paul, Uli oder meinetwegen auch Günter. Dann hätten Deine Jünglinge sofort eine Beziehung zu ihm aufbauen können oder zumindest einen Grund, ordentlich auf ihn draufzuhauen. Aber es ist ja nicht nur der neumodische Ball. Auch die Schuhe sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Früher waren die Treter alle schwarz und hatten zwei bis drei Streifen (je nach Taschengeldlage). Heutzutage sind sie weiß, rot, gold, silber oder sonst was. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie der Ballack den Frings in der Kabine fragt: 'Kuck mal! Hast Du schon meine schönen rosa Schühchen gesehen? Hübsch, gell!' Mensch! Die Knaben sollen Tore schießen und keinen Nachwuchsmodel-Wettbewerb gewinnen. Aber das ist eine andere Geschichte

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