Das Glück muss man im Galopp suchen

Memmingen (rw). - 'Das Glück - kein Reiter wird's erjagen!' Wahrscheinlich hat's zu Lebzeiten von Theodor Fontane noch keiner im Galopp versucht. Genau diese Gangart aber empfiehlt Tina Teubner allen Zagern und Zweiflern. 'Glücksgalopp - Rettet die Maßlosigkeit' fordert die Chansonette in ihrem neuen Programm. Bei den Kabarett-Tagen traf sie den Nerv des Publikums und wurde im ausverkauften Pik mit Bravo-Rufen belohnt. Zügel lockern, dem Leben die Sporen ge-ben und ab die Post? Wenn es nur so einfach wäre. Für Tina Teubner ist Glück ein Kosmos, in den man eintreten muss. Aber mit Schmackes, bitte: 'Ins richtige Glück watschelt man nicht, da muss man schon mal galoppieren.' Mut bräuchte man halt und Zuversicht und Power. Und schon tauchen sie auf, all die 'Abers', Ängste, Widersprüche. Tina Teubner kennt sie, die Stolperfallen im weiten Feld möglichen Glücks. Sie weiß von der übermäßigen Sehnsucht und der Angst vor der eigenen Courage.

Aber jene Zeitgenossen, die sich mit Surrogaten und Pseudolösungen abspeisen lassen und gar nicht merken, wie hohl die Phrase vom 'Leben im Hier und Jetzt' ist - diese Typen kann sie nicht ab. Bissig, mit kantigem Lächeln zerrt sie ihre imaginäre Cousine als Beispiel für 'pseudo-buddhistisches Einbauküchen-Glück' ins Rampenlicht, straft 'kraftmeiernde Strunz-Optimisten' mit Verachtung und will alle blöden Leute am liebsten auf einem Kreuzfahrtschiff versammeln und vom Ozean aus ins Nirwana schicken. Wer auf dem Pferd sitzt, kann runter gu-cken auf solche, die in Volkshochschulkur-sen und Selbsterfahrungsgruppen nach win-zigen Trüffeln des Lebensglücks wühlen. Doch diese Arroganz nimmt man der Chan-sonsängerin nicht ganz ab. Viel zu bewegend sind nämlich ihre Lieder, in die sie weit mehr hineinlegt als Ironie. Wenn sie singt, hört der satirische Spaß meist auf, fangen Gefühl und Melancholie an. Das Programm bekommt Tiefgang durch diese Lieder, die sich in die Seele bohren. Titel wie 'Hallo Zukunft' oder 'Nachts bin ich groß' erzählen von der Zerbrechlichkeit des Glücks, von Leidenschaft und Schwermut, von Hoffnung und Verzweiflung. Ohne Schmalz, ohne Seelenstriptease. Hier offenbart sich das vielschichtige Kön-nen der ausgebildeten Musikerin, die wun-derbar singt, Herz zerreißend Geige spielt, außerdem geschliffen, tiefgründig und witzig formuliert. Dazwischen wieder schnoddrige Plaudereien beim Rotwein-Schlürfen - über den überforderten Schöpfer oder die Probleme beim kreativen Arbeiten. Unentbehrlich bei diesem kontrastreichen Ritt über hügelige Seelenlandschaften: Pianist Ben Süverkrüp. Er hat alle Melodien arrangiert und besticht durch virtuoses Spiel: mal spritzig, mal pathetisch oder hinreißend gefühlvoll.

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