Allgäu
Da fliegt gleich der Deckel vom Topf

Der Hexenkessel ist im Sport Symbol für das, wovor die Gegner am meisten Angst haben (oder es zumindest sollten): Eine voll besetzte Halle, die mit andauernder und unglaublich lauter Anfeuerung ihr Team manchmal geradezu fanatisch nach vorne peitscht, den Kontrahenten damit beeindruckt und den Schiedsrichter zugunsten der eigenen Mannschaft beeinflusst. Das gilt für den Profisport genauso wie für die untersten Ligen. Deshalb gehen wir - gerne mal mit einem Augenzwinkern - in unserer neuen Serie, die in loser Folge in den nächsten Monaten erscheint, der Frage nach, welche Sporthallen im Verbreitungsgebiet das Zeug zum Hexenkessel haben, und wo die Stimmung zum Einnicken ist. Am Ende verteilen wir für den Gesamteindruck eine Schulnote. Wir beginnen bei den Zweitliga-Ringern des TSV Westendorf.

Die Halle: Wollen Sie wissen, wo Ihre Oma früher geturnt hat? Genau wie im Bürgerhaus Alpenblick muss es ausgesehen haben. Die Doppelhalle versprüht den rustikalen Charme der 1960er Jahre, ist quasi Gelsenkirchener Barock für Sportstätten. Durch die beengten Verhältnisse - hier ist jeder Zentimeter ausgenutzt - sind alle Zuschauer wirklich mittendrin statt nur dabei.

Das Einlaufen: Bayerischer Defiliermarsch für den Gegner, «Eye of the tiger» für die eigenen Jungs: Das war so, ist so und wird hoffentlich immer so bleiben. In Westendorf pfeift man zurecht auf neumodisches Spektakel. Laute Musik, abgedunkelte Halle und stimmgewaltiges Publikum reichen allemal für eine satte Gänsehaut.

Die Stimmung: Die steilste Tribüne im Ringen steht räumlich wie akustisch wie eine Wand hinter ihren Ringern. Anfeuerungsrufe, die manchmal noch als zartes Lüftchen beginnen, steigern sich in Kürze zu einem ausgewachsenen Orkan, der die Westendorfer Sportler nach vorne peitscht. Fangesänge wie in einem Fußballstadion tun ihr Übriges zur gigantischen Stimmung, die in ganz Ringer-Deutschland berühmt-berüchtigt ist.

Der Kultfaktor: Riesengroß. Werbetafeln, auf denen noch Firmenadressen mit vierstelliger Postleitzahl stehen; Kinder, die sich unter der Sitzplatztribüne verstecken, um von dort aus dem Mattengeschehen zu folgen; ganze Heerscharen junger Menschen aus den umliegenden Dörfern, die zu jedem Kampf herpilgern; Halbe Bier aus flugtauglichen Plastikbechern und fettige Fritten vom Wirt aus dem Keller - und dann noch auf der Matte fast ausschließlich eigene Jungs.

Die Kultfigur schlechthin ist Vorzeige-Athlet «Pippo» Heiß, der seit zwei Jahren keinen Kampf mehr verloren hat.

Die Kleidung: Wie es sich für einen Hexenkessel gehört, ist es unglaublich heiß. Wer hier mehr als ein T-Shirt anhat, kann während eines Abends schnell mal schwitzend ein Kilo abkochen - und weiß damit, wie sich ein Ringer sonst in der Vorbereitung auf einen Kampf fühlt.

Der Sachverstand: Ist bei den Zuschauern oft höher als beim Schiedsrichter. Kein Wunder, sind doch jede Menge aktive und ehemalige Ringer im Publikum. Die sachkundigen Fans geraten deshalb bei krassen Fehlentscheidungen gerne in Rage - wie auch so mancher Verantwortlicher.

Wenn ein Herr aus dem Vorstand wie ein Rumpelstilzchen auf die Matte springt, um mit hochrotem Gesicht dem Schiri die Meinung zu geigen, wenn Werbetafeln vor Wut umgetreten werden, dann ist das Westendorf-Feeling live.

Geht gut: «Blau passiv» singen und sich dann ärgern, dass doch der eigene Mann in Rot in die Bodenlage muss.

Geht gar nicht: In der Pause zum Nachbarn sagen: «Synchronschwimmen finde ich übrigens auch ganz nett.»

Das gibts nur hier: Kämpfe mögen zwar anstrengend sein, aber genug Kraft, um die Tribüne abzubauen, ist immer da. Die Ringer sind nämlich zugleich das Aufräumkommando des TSV.

Geeignet für: Frauen, die gerne knackige Männerhintern sehen. Männer, die gerne kernige Kämpfe sehen. Und alle, die ehrlichen Sport mit großem Lokalkolorit irgendwelchem Event-Hype-Schmarrn vorziehen.

Das Fazit: Wer den Ausdruck «Hexenkessel» erfunden hat, muss in Westendorf gewesen sein. Hier hat man nicht nur einmal am Abend das Gefühl, dass gleich der Deckel vom Topf fliegt und das darin befindliche Gemisch explodiert. Kein Wunder, dass der beste Ringer den Namen «Heiß» trägt. Wir vergeben die höchste Wertung, allerdings mit ganz leichten Abstrichen. Denn die Anfeuerung für nicht ganz so erfolgreiche Athleten ist noch ausbaufähig. Also im Endeffekt eine 1-.

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