Jubiläum
Christus musste besonders gut gelingen

Die Stadtpfarrkirche St. Petrus und Paulus, ein neubarocker Bau des Münchner Architekten Professor Franz Rank (1870 bis 1950), ist noch keine hundert Jahre alt. Der Grundstein wurde 1912 an Mariä Geburt gelegt. Und das Deckengemälde, das bedeutendste Werk des Goßholzer Künstlers Paul Keck (1904 bis 73), wurde samt der stuckgerahmten Medaillons und Schriftbänder gar erst vor 50 Jahren verwirklicht. Das Kunstwerk zeigt Höhepunkte aus dem Leben der Apostelfürsten Petrus und Paulus.

Der Erste Weltkrieg, der kurz nach der Einweihung ausgebrochen war, hatte eine Freskierung des Langhauses verhindert. Erst als 1960 die Renovierung anstand, kam die Ausmalung wieder ins Gespräch. Der Strickwarenfabrikant Josef Spieler ergriff die Initiative.

Zu Beginn des Jahrhunderts war der Käsefabrikant Aurel Kohler die treibende Kraft für den ehrgeizigen Kirchenbau gewesen, zusammen mit Pfarrer Johann Evangelist Egger und Bürgermeister Hans Alois Schmitt. Damals war der Marktflecken Lindenberg für zwei Jahrzehnte zum Zentrum der deutschen Herrenstrohhutfabrikation aufgestiegen.

Die Kirchenverantwortlichen etschieden sich für eine szenische Ausmalung. Stadtpfarrer Johann B. Steinlehner hätte gerne einen Künstler von der Akademie in der Landeshauptstadt gehabt, doch setzte sich schließlich der Kirchenbauverein mit Spieler durch.

Der angesehene Kunstmaler Paul Keck, Sohn des Malers Otto Keck (1879 bis 1948) erhielt den Auftrag. Im November 1960 entstanden die ersten Entwürfe. Im Februar 61 wurde der Vertrag unterzeichnet.

Keck hatte sich mit Gemälden, Hausfassaden und Kirchenfresken einen Namen gemacht. Doch an solch ein monumentales Werk hatte er sich noch nicht gewagt. Er gab freimütig zu, dass es eine große Herausforderung für ihn sei. Ein geschulter Kirchenmaler war er nicht. Deswegen war Pfarrer Steinlehner anfangs überaus skeptisch. Vor dem ersten Pinselstrich herrschte er den Künstler an: 'Als erstes malen Sie den Christus; wenn das nichts wird, können Sie gleich wieder gehen.

' Tochter Gudrun Steiner erinnert sich noch genau an den Satz, den der Vater damals zu Hause erzählte. Doch offenbar stellte das Ergebnis den Pfarrer zufrieden.

Die große Schwierigkeit war es, die richtige Perspektive zu finden, sodass die Figuren unter der gewölbten Decke verzogen dargestellt werden mussten, um für den Betrachter in der Kirchenbank die Proportionen stimmig erscheinen zu lassen.

Deswegen skizzierte Keck zunächst alle Szenen in ein Heft, dann zeichnete er lebensgroß auf dem Fußboden in seinem Atelier auf eine Art Packpapier, ehe er über das 13 Meter hohe Gerüst (worauf noch ein fahrbares vier Meter hohes Gerüst mit luftbereiften Rädern stand) den Pinsel an der Decke ansetzte.

Nur bei Tageslicht

Paul Keck ließ sich durch die Kritik etlicher Besserwisser nicht beirren, auch nicht von neugierigen, hochrangigen Damen, die ein zu tiefes Dekolleté einer abgebildeten Frau bemängelten. Die 230 Quadratmeter große Fläche war in nicht einmal hundert Tagen ausgemalt.

Am 10. April begann er, am 14. Juli 1961 hatte er das Werk vollendet. Allein, ohne Helfer. Es konnte nur bei Tageslicht gearbeitet werden. Laut Vertrag, der ihm 51 000 Mark in vier Jahresraten zusicherte, hätte er Zeit gehabt bis 'Kirchweih', laut Kirchenkalender der 3. Sonntag im Oktober.

'Das war eine gewaltige Anstrenung für meinen Vater. Vor allem das ständige Über-Kopf-Malen schaffte ihn, obwohl er mit seinen 57 Jahren eigentlich recht fit war. Man muss bedenken, es war kalt im Saal,' erzählt Tochter Gudrun.

Renovierung für 160 000 Mark

Am 10. September 1961 feierte Lindenberg mit einem Gottesdienst den Abschluss der Kirchenrenovierung, die rund 160 000 Mark gekostet hatte. Ende desselben Monats fand die erste Hochzeit unter dem neuen Gemälde statt – Tochter Gudrun vermählte sich mit Eugen Steiner.

Paul Keck hat sich als nachdenklicher Zuhörer selbst porträtiert. Und auch Josef Spieler, der das Gemälde erst möglich machte, ist verewigt. Der Gönner bat den Künstler eigens, seinen Kopf wieder zu entfernen, weil der Haussegen schief hing. Keck wollte dem Frieden nicht im Weg sein und übermalte das Bildnis, jedoch mit wasserlöslichen Farben.

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