Oberstdorf
Bergrettung bei Wind und Kälte: Hohe Anforderungen

Immer wieder hat Philipp Menzenbach die Erstversorgung eines verletzten Skifahrers in Trockenkursen geübt. Als Bergwachtanwärter müssen die notfallmedizinischen Griffe sitzen. Doch so praxisnah und anstrengend wie bei der Übung heute am Nebelhorn waren sie für ihn noch nie. Bei Temperaturen um minus acht Grad, dem ohrenbetäubenden Lärm eines wartenden Rettungshubschraubers und unter den strengen Augen der Ausbilder ist der 18-jährige Immenstädter besonders gefordert. 'Es ist schon etwas anderes, hier oben auf 2000 Meter Höhe einen Verletzten zu versorgen, als unten im Übungsraum', sagt er. 'Da ist volle Konzentration gefragt.'

Menzenbach ist einer von 24 Bergwachtanwärtern, die sich derzeit am Nebelhorn (2224 Meter) in den Allgäuer Alpen auf ihre Abschlussprüfung vorbereiten. Erst dann sind sie für den Einsatz als Bergwachtler fit. Mindestens zwei Jahre dauert die Ausbildung, zu der insgesamt fünf Prüfungen zu den Schwerpunkten Sommer-, Winter- und Luftrettung, Notfallmedizin und Naturschutz gehören. Danach werden die Ehrenamtlichen in regelmäßige Dienste eingeteilt.

In dem einwöchigen Schluss-Lehrgang geht es für die 4 Frauen und 20 Männer aus dem Allgäu um die speziellen Anforderungen der Rettung Verunglückter im Winter. Dazu gehören die Analyse des Schneeprofils, Versorgung von Verletzten mit Pistensicherung, Abtransport in einer fahrbaren Trage (Akja), Einweisung eines Rettungshubschraubers und die Vermisstensuche in der Nacht.

'Durch höhere Sicherheitsstandards sind die Anforderungen an die Bergwacht immer größer geworden. Entsprechend umfangreich ist auch die Ausbildung', sagt Otto Möslang, Leiter des Rettungsdienstes bei der Bergwacht Bayern.

Es sind rund 10 000 Notfälle, zu denen die Bergwacht in Bayernpro Jahr gerufen wird. Rund 1100 Mal kommt dabei der Rettungshubschrauber zum Einsatz. Zwei Drittel der Einsätze fallen laut Möslang auf die Wintersaison. 'Das Einsatzgeschehen ist natürlich wetterabhängig. Je mehr Menschen sich auf den Pisten bewegen, umso mehr Unfälle passieren.'

Bei langen und schneereichen Wintern registriere die Bergwacht allein im Allgäu rund 2000 Einsätze pro Saison. Knie- und und Rückenverletzungen sowie komplizierte Knochenbrüche sind die häufigsten Verletzungen, sagt Dirk Steiner, ärztlicher Leiter der Bergwacht Allgäu.

Die Unfallszahlen und Verletzungsmuster hätten sich in den vergangenen Jahren geändert. 'Skifahren ist durch die bessere Ausrüstung zwar sicherer geworden. Aber die Geschwindigkeiten und die Personendichte auf den Pisten sind höher.'

Die Bergwacht in Bayern zählt derzeit rund 3500 aktive Mitglieder. Etwa 300 von ihnen sind Frauen. 'Bergrettung ist oft körperlich harte Arbeit', erklärt Steiner die überwiegende Zahl männlicher Kollegen im Bergwachtdienst.

Die 20-jährige Nina Lehner, die gerade mit einem anderen Anwärter einen Akja mit Verletzten ins Tal befördert hat, kann dies nur bestätigen. Der Akja mit Ausrüstung wiegt allein schon 40 Kilo, der Umgang mit dem Rettungsschlitten sei kräftezehrend. 'Manchmal wünsche ich mir schon mehr Muskeln', sagt die zierliche Oberstdorferin um Atem ringend nach der Übung.

Möslang ist froh, dass es bei der Bergwacht Bayern keine Nachwuchssorgen gibt. 'Das Interesse ist groß. Man spürt, dass die jungen Leute gefordert sein wollen.' Wer sich für den Rettungsdienst im Gebirge interessiert, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen.

So müssen die Anwärter zur Abschlussprüfung mindestens 18 Jahre alt sein und sollten sich im alpinen Gelände sicher bewegen können. 'Für den Einsatz auf der Piste brauchen wir gute Skifahrer, keine Rennläufer', sagt Möslang. Und noch etwas setzen die Ausbilder der Bergwacht voraus: 'Den Willen, anderen Menschen zu helfen. Denn das ist unsere eigentliche Aufgabe.'

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