Beim zweiten Ouzo hats gekracht

Von Sylvia Rustler Memmingen - Dimitrios Bakosis reißt die Augen auf. John Hribar schlägt die Hände vors Gesicht. Ein Tor für die Gegner? Nein, der Ball geht knapp am Pfosten vorbei. 'Gott sei Dank', stöhnt Bakosis, lehnt sich zurück, fasst sich an die Brust und atmet tief aus. Sein Herz schlägt bis zum Hals. Zehn Jahre haben die Griechen auf solche Momente gewartet. Solange war ihre Fußball-Mannschaft bei keinem großen Turnier mehr dabei. Jetzt, im Halbfinale gegen die Tschechen, ist der Titel des Europameisters in greifbarer Nähe. 'Psst, geredet wird in der Pause', faucht Bakosis, den Blick fest auf den Fernseher über der Musikbox geheftet. 'Heute griechischer Abend' steht am Eingang zu 'Paolas Bierstüble'. Hier feierten viele Memminger Griechen auch nach dem Sieg gegen Frankreich. Bis ihnen die Sperrstunde einen Strich durch die Rechnung gemacht habe, erzählt John-Georg Hribar. Er ist der Vater von John Hribar, dem Besitzer des Lokals. Und er weiß schon jetzt: 'Ob die Griechen gewinnen oder verlieren, heute wird gefeiert, denn sie haben mehr erreicht, als alle erwartet haben'. Er selbst ist Österreicher, aber er kennt die Griechen: 'Schließlich war ich 20 Jahre mit einer Griechin verheiratet', sagt er lächelnd. Halbzeit. Bakosis und John Hribar sind wieder ansprechbar. 'Es endet zwei zu eins für die Griechen', schätzt Bakosis. Und John Hribar, der Halbgrieche, setzt noch eins drauf: 'Wir werden Europameister'. 'Mit Rehhagel kam deutsche Disziplin ins Spiel', erklärt sich Bakosis den bisherigen Erfolg der Mannschaft. 'Ja, und außerdem gibt es bei den Griechen keine Einzelstars, die sich hervortun, die Mannschaft hält zusammen', fügt Hribar hinzu. Die griechische Staatsbürgerschaft, die Rehhagel angeboten wurde, hätte er sich redlich verdient, da sind sich beide Fußballfans einig.

Zaziki und ein Bonbon 'Janaki-Jorgos' kritzelt John-Georg Hribar beim Stichwort 'Staatsbürgerschaft' auf einen Notizblock. 'So heißt mein Name übersetzt, ob er richtig geschrieben ist, weiß ich nicht', grinst der ältere Mann. Er scheint viel mehr Grieche als Österreicher zu sein. Dann serviert er Zaziki, Schafskäse und Oliven. Alles umsonst. Augenzwinkernd legt er ein Eukalyptus-Bonbon neben den nach Knoblauch duftenden Teller. Das Spiel geht weiter. Eine Frau kommentiert das Spiel lautstark. 'Du machst mich ganz hirnwirblig', schimpft John Hribar in Memminger Dialekt, 'ich brauche meine Nerven noch!' Jetzt lässt er die Faust auf den Tisch sausen. Die Griechen haben eine Torchance vergeben. Er flucht, auf griechisch.

'Wir müssen siegen' Bakosis traut sich nur noch durch die Finger auf den Bildschirm zu schauen. Immer noch kein Tor. Verlängerung. Hribar knabbert an einem goldenen Medaillon. Jetzt wird mit 'Ouzo' angestoßen. Es ist eng in dem schummrigen Raum mit vier Tischen und einer kleinen Bar. 'Wir müssen siegen', sagt ein dicker norddeutscher Mann: 'Wir, also Otto und die Griechen.' Zum zweiten Mal werden die Schnapsgläser gehoben. 'Auf ein Tor', ruft Hribar und verstummt. Er knallt das Glas schlagartig wieder auf den Tisch, der Anisschnaps schwappt heraus. Die Griechen liegen sich in den Armen, jubeln. Ihre Mannschaft hat das entscheidende Tor geschossen. Hribar schluchzt, weint. Bakosis küsst ihn. Nun gewinnt Hribars Stimme wieder an Kraft, er ruft: 'Alle am Sonntag wieder hier. Zwei zu eins für uns im Finale!'

Das könnte Sie auch interessieren

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen
Powered by Gogol Publishing 2002-2018