Beim Klöppeln den Alltagsstress vergessen

Von Christine Rothauscher Kempten - 'Noch ein bissle mehr zum Angucken?' Welche Frage. Klar, dass die acht Stammtischfreundinnen nicht nur ein bisschen, sondern möglichst alle mitgebrachten Klöppelschätze des 74-jährigen Schorsch Gröbner sehen und bewundern wollen. Schließlich hat er 60 Jahre Routine in der Herstellung des Spitzenwebens, wie Klöppeln auch genannt wird. Alle vier Wochen trifft er sich mit gleichgesinnten Frauen, um seine Erfahrung weiterzugeben. Was bitteschön ist ein Klöppelknecht? Womöglich ein grobes Mannsbild, das brave Leute verkloppt und verhaut? 'Weit daneben geraten', lacht Marie Baldauf und zeigt auf ein Holzgestell, 'Klöppelknecht' genannt. Gleich mehrere solcher hölzernen 'Knechte' stehen an diesem Abend auf einem Wirtshaustisch, um bunte Baumwollrollen mit Namen Klöppelkissen zu tragen. Eine stecknadelgespickte Leinenborte liegt darauf, die mit Hilfe von so genannten Klöppelhölzern wächst und wächst. 'Klar, was für Laien schon beim Zuschauen und Lesen schwierig klingt, ist auch für Hobbyklöpplerinnen nicht ganz einfach', sagt Marie Baldauf. Die Mittfünfzigerin weiß, wovon sie spricht. Immerhin übt sie bereits seit einem Vierteljahrhundert dieses Kunsthandwerk aus und ist immer aufs Neue, wie alle ihre Stammtischfreundinnen, 'um jeden Tipp und guten Rat von unserem Klöppelspezialist Schorsch Gröbner dankbar'. Und der lässt sich auch nie lange bitten, wenn es darum geht, das richtige Drehen, Kreuzen oder Nadelstecken für ein kompliziertes Spitzenmuster zu erklären. Mit Erfolg, wie die feinen stilisierten Spitzendecken, Fensterbilder und Tischläufer beweisen.

Sogar Nippsachen und der Stammtisch-Spardosenlöwe sind mit Klöppelspitzen geschmückt. Wer den Stammtischmitgliedern einmal über die Schulter geschaut hat, fragt sich angesichts der kompliziert erscheinenden Handarbeit, welche Motive fürs Hobbyklöppeln zugrunde liegen können? Die Antworten kommen schnell und überzeugend. 'Ja, weil schon eine Stunde Klöppeln allen Alltagsstress vergessen lässt', sagt Annemarie Schocker, die bereits über 20 Jahre diese Handarbeit zum Freizeithobby gemacht hat. 'Weil es einfach schön ist, in dieser Form wertvollen Wohnungsschmuck, Geschenke herzustellen', ist Gerlinde Fackler überzeugt. Da können die übrigen Stammtischfreundinnen nur zustimmen. Und ihr einziger Mann am Tisch, Schorsch Gröbner, erinnert sich daran, 'dass sich in früheren Zeiten nur die reichen Leut' solche handgearbeiteten Spitzen und Borten leisten konnten'. Freilich, nicht etwa selbst hätten diese Herrschaften am Klöppelknecht gesessen, sondern 'teuer gekauft', was in Heimarbeit für wenig Lohn hergestellt wurde. So habe er selbst als Bub in seiner Böhmerwäldler Heimat mit Großmutter, Mutter und Geschwistern 'edle Spitzen für a' paar Münzen' geklöppelt und nach Kriegsende Klöppelspitzen für Brotmarken getauscht. Trotz dieser schweren Zeiten - die Klöppelei ist für ihn inzwischen zum Freizeitvergnügen geworden. Und wie ihm geht es auch den Frauen am Klöppelstammtisch. Im Berufsleben sind sie Computertechnikerinnen, Juristinnen und Kauffrauen. Am Stammtisch aber 'sind die Werktagsjobs vergessen', sagt Maria Langemaer, 'dann gibt's für alle nur eines: Klöppeln unter Gleichgesinnten'. i Infos zum Klöppelstammtisch gibt es unter Telefon (0831) 62372.

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