Bei Kälte lässt sie sich hängen

Sibirische Winterlibelle erstarrt bis zum Frühjahr und startet dann neu durch - Serie (Teil 18) Westallgäu (rf). 60 Prozent der bayerischen Tierwelt sind in ihrem Bestand bedroht. Auch im Allgäu gelten zahlreiche Arten als gefährdet. Reinhold Faulhaber vom Bund Naturschutz Kempten-Oberallgäu stellt etliche dieser seltenen Exemplare vor. Heute: die Sibirische Winterlibelle.

Ihren Namen verdankt diese Tierart der Besonderheit, dass ausgewachsene Exemplare selbst bei großer Kälte überwintern können. Dies meistert bei uns (abgesehen von der im Alpenvorland weitgehend fehlenden Schwesternart der Gemeinen Winterlibelle) keine an dere Libellenart. Der Zusatz 'sibirisch' weist auf ihr östliches Hauptverbreitungsgebiet hin. Libellen gehören zu einer über 250 Millionen Jahre alten Insektengruppe mit unvollständiger Verwandlung. Fehlt ihnen doch das für viele andere Insekten typische Puppenstadium. Die Larve ist ein verborgen lebender Wasserbewohner, die fertige Libelle ein geschickter Flieger. Die Atmung der Larven erfolgt über den Enddarm und drei blattförmige Außenkiemen. Während ihres nur knapp dreimonatigen Wachstums zum 3,5 Zentimeter großen Fluginsekt häuten sich die Tiere mehrmals. Vor der letzten Häutung zur flugfähigen Libelle steigt die Larve meist an einem senkrechten Pflanzenstängel aus dem Wasser und verankert sich hier mit ihren Fußkrallen. Dann stellt sie von Kiemenatmung auf Luftatmung um - und plötzlich beginnt der Rücken aufzuplatzen. Aus dem immer breiter werdenden Spalt schiebt sich der Libellenkörper heraus. Nach dem Verlassen der Larvenhaut pumpt sie Blutflüssigkeit in die Flügel und entfaltet diese zum ersten Flug. Ihre drei Beinpaare erfüllen eine wichtige Aufgabe beim Insektenfang: Sie bilden einen Fangkorb, mit dem die Beute im Flug ergattert wird. Als einzige ihrer Art sind die Winterlibellen bei milder Witterung sogar noch im November aktiv. Bei Winterbeginn suchen sie beschattete, luftfeuchte Plätze auf um Energieverlust und Austrocknung während der Kältestarre zu vermeiden. Sie sitzen, oft weit entfernt vom nächsten Gewässer, an Halmen, Ästen oder unter Steinen. Im Gegensatz zu anderen, farbenprächtigen Libellenarten, hat die Evolution hier für eine bräunliche Tarnfärbung gesorgt, die die Tiere während des Wintes vor den Augen hungriger Vögel und Spinnen verbirgt. In kalten Nächten sind sie am Morgen oft noch mit Rauhreif überzogen, werden aber bei Sonnenschein als erste Libellenart schon im März wieder aktiv. Im Oberallgäu hat die Sibirische Winterlibelle deutschlandweit eines ihrer Schwer- punktvorkommen. Eine große Population befindet sich etwa am Widdumer Weiher. Daneben ist sie auch am Notzen-, Schwarzenberger- und Sachsenrieder-Weiher sowie dem Niedersonthofener See anzutreffen. Das einzige Vorkommen der Gemeinen Winterlibelle am Fuß des Grünten (übrigens der erste Nachweis dieser Art im Oberallgäu) wurde erst 2003 entdeckt. Auch im Landkreis Lindau ist die Winterlibelle heimisch. Helfen würde dieser außergewöhnlichen Libellenart, Verlandungszonen der Gewässer zu erhalten und Streuwiesen durch regelmäßige Mahd vor Verbuschung zu bewahren.

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