Bei allem, was du tust, denke an das Ende

Füssen (rea/lck). - 'Bei allem was du tust, denke an das Ende.' Reinhold Böhm gebrauchte dieses Wort oft. Er zitierte es als Lehrer, um geschichtliche Zusammenhänge einzuordnen; er gebrauchte es als Vorsitzender von 'Alt Füssen', um stadthistorische Belange ins rechte Licht zu rücken; er sagte es mit seinem pfiffigen und tiefgründigen Humor seinen Freunden und Bekannten bei den vermeintlich unpassendsten Gelegenheiten - und doch passte der Satz immer, in der ganzen philosophischen Tragweite. Am Mittwoch starb Reinhold Böhm. Sein Tod kam plötzlich und unerwartet. Man hatte Reinhold Böhm noch wie gewohnt durch die Stadt gehen sehen - mit Fahrrad, Mantel, Hut und brauner Aktentasche, seinen unverzichtbaren Markenzeichen. Tags zuvor hatte er noch angerufen wegen einer kleinen Dringlichkeit - ganz nach dem Motto: 'Bei allem, was du tust, denke an das Ende'. Sein Leben war der Historische Verein 'Alt Füssen'. Erst vor wenigen Tagen hatte er das Amt des Vorsitzenden niedergelegt und den Magnusstab an Magnus Peresson übergeben. Kürzer wollte er treten und habe sich das auch verdient, wie Alfred Wintergerst in der Laudatio auf Böhm betonte. Der Laudator wünschte sich, dass Böhm mit seinem Erfahrungsschatz und Wirken dem Verein noch lange erhalten bleiben möge. Der Wunsch ging nicht in Erfüllung. 'Ich freue mich und bin glücklich, diesen Augenblick zu erleben. Es ist ein gewisser Höhepunkt meines Lebens'. Das waren Reinhold Böhms erste Worte als Nicht-mehr-Vorsitzender. Sie beendeten eine Ära des Historischen Vereins, die mehr als 25 Jahre gedauert hatte und nicht nur 'Alt Füssen', sondern auch das alte Füssen prägte wie keine andere zuvor. Erhalten und bewahren, aber nicht extrem, sondern offen für moderat Modernes - das war ungefähr Böhms Devise, mit der er antrat und sich in vieles einmischte, weil es ihm am Herzen lag. Alfred Wintergerst attestierte Böhm ein 'gewisses Harmoniebedürfnis' - entstanden aus den Disharmonien des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit. Nicht verwunderlich sei es deshalb vor diesem Hintergrund, dass danach viel Ausgleichendes gefragt war. Ausgleichend war Reinhold Böhm privat und beruflich: als Gatte von 'Vereinsmutter' Helene und Vater zweier erfolgreicher Kinder sowie mehrfacher Großvater; als Realschullehrer und Studienrat für Deutsch, Geschichte, Ethik und Technisches Zeichnen - Fächer, trotz derer die Schüler und Schülerinnen ihn liebten; als Stadtrat in 'seinem Füssen'; als Herausgeber des weit über Füssen hinaus geachteten und beachteten Jahrbuchs von 'Alt Füssen'; als Teil und Stütze des Kulturlebens der Stadt auch über den Historischen Verein hinaus. Reinhold Böhm wurde verehrt und geehrt: mit der Aventius-Medaille 2003 für sein 'vielseitiges Wirken zur Erforschung und Vermittlung der Geschichte und Kultur des Füssener Raumes'; mit dem Kulturpreis der Stadt Füssen 1993 für seine Publikationen (unter anderem zum Totentanz, 'Wesenszüge einer 700-jährigen Stadt', 'Alt Füssener Bilderbuch' oder 'Füssen in alten Ansichten'); mit dem Magnusstab des Heimatbundes Allgäu, den Böhm vor vier Jahren für den Historischen Verein 'Alt Füssen' entgegennahm. Und weil er 48 Jahre lang in der Franziskanerkirche für Gotteslohn die Orgel spielte, verliehen ihm die Bayerischen Franziskaner die Affiliationsurkunde und nahmen ihn damit sozusagen in ihre Gemeinschaft auf.

Schöne und erfüllte Zeit 'Bei allem, was du tust, denke an das Ende.' Als er sich nach der Amtsübergabe bei 'Alt Füssen' bedankte, galt dieser Dank vor allem den Mitgliedern, denn ohne sie und ihre Unterstützung wäre der Verein nichts. Er gab ihnen auch nochmal seine Philosophie mit auf den Weg: Verschiedene Ansichten sind nötig, weil sich nur aus verschiedenen Ansichten etwas entwickeln könne. Aber in Harmonie, nicht im Streit. Streit sei kein kultureller Wert. Und diese Denkart habe er in der Vorstandschaft von Alt Füssen stets vorgefunden. Deshalb könne er in großer Freude und Genugtuung zurückblicken in Erinnerung an eine schöne und erfüllte Zeit. Wer Reinhold Böhm begegnen durfte, ihn gar näher und länger kannte, der wird lange brauchen um wirklich zu realisieren, dass der Mann mit Mantel, Hut, Fahrrad und brauner Aktentasche nicht mehr durch die Stadt gehen wird. Am kommenden Mittwoch, 7. April, wird Reinhold Böhm um 11 Uhr auf dem Waldfriedhof zu Grabe getragen. Das Requiem davor beginnt um 9.30 Uhr in St. Mang.

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