Altusried
Beglückende Seitensprünge

Die Zuschauer im Altusrieder Theaterkästle hatten diesmal ein besonderes Premierenerlebnis. Ein völlig neues Team stellte sich ihnen vor: ein neuer Regisseur und neue Darsteller, die vorher noch nie im Theaterkästle aufgetreten waren. Von der ersten Szene an gewannen sie die Sympathie des Publikums und durften sich schließlich in einem begeisterten Schlussbeifall sonnen.

Dabei war das, was sie zum Besten gaben, durchaus anspruchsvoll. Bernhard Slades Komödie «Nächstes Jahr, gleiche Zeit» ist eines der seltenen Boulevardstücke, die hinter unbekümmertem Lachen gedämpfte Melancholie verbergen.

Die Handlung bewegt sich im gefährlichen Spannungsfeld zwischen Ehe und Ehebruch. Eine zunächst junge Frau (Doris) und ein zunächst junger Mann (Georg) lernen sich zufällig in einem kalifornischen Hotel kennen und lieben. Die Leidenschaft erfasst sie wie im Sturm, obwohl beide schon halbwegs passabel verheiratet sind und je drei Kinder haben. Es gelingt ihnen ein gewagtes Kunststück: Sie treffen sich Jahr für Jahr zur selben Zeit am selben Ort zu einem beglückenden Seitensprung und halten dennoch zäh an ihrer Ehe fest.

Der genussvolle Liebesakt wird durch Gespräche über Gott und die Welt und durch manchen eheähnlichen Schlagabtausch unterbrochen. In sechs Stationen von 1951 bis 1975 enthüllt sich ein ganzer Lebenskosmos der Liebenden, ihre Alterung zeichnet sich mehr und mehr ab.

Überraschende Kapriolen

Im Auftrag des Altusrieder Turn- und Sportvereins inszenierte Ralf Weikinger, der neue Regisseur, das Lächeln und das Weinen der Slade-Komödie einfühlsam und wirkungsvoll. Der abwechslungsreiche Dialog gerät nie ins Schleudern. Die beiden Liebenden sind in unaufhörlicher Bewegung und nutzen den anmutig gestalteten Bühnenraum zu immer neuen, überraschenden Kapriolen. Nicht ein Hauch von Langeweile kommt auf.

Versiert wie Profis

Julia Empter (Doris) und Sebastian Heerwart (Georg) sind Neulinge, spielen aber so versiert wie Profis. Die Doris ist die temperamentvoll Zupackende. Der körperlichen Lust legt sie keine Zügel an, verirrt sich aber nie ins Geschmacklose. Als Schwangere und als verspätete Hippie-Frau hat sie ihre beeindruckendsten Auftritte, Georg ist der Ernste, der leicht Zögerliche, der die moralischen Skrupel als Ehebrecher nie ganz zurückdrängen kann und sich der Liebe doch unverstellt hingibt.

Das Spiel der beiden hat leicht beschwingte Flügel, fließt dahin wie ein schöner Traum, aus dem man sich nicht gern löst. Ob das hübsche Modell auch der Wirklichkeit des Lebens standhält, ist eine andere Frage.

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