Befruchtung in der Plastikschüssel

Wasserburg | mbr | Die Saison fürs Laichfischen hat begonnen. Nach über zwei Monaten Schonzeit dürfen die Bodenseefischer für wenige Tage Felchen fangen, unter der Bedingung, dass sie den Laich der Fische auffangen, künstlich befruchten und dann bei der Fischzuchtanstalt in Nonnenhorn abliefern.

Es ist sieben Uhr morgens, stockfinster, und fängt gerade an, sich einzuregnen. Es sind ein paar Grad über Null, die sich trotz dicker Socken, Daunenjacke und einer Regenjacke obendrüber anfühlen wie fünf Grad unter Null. Peter und Roland Stohr, Vater und Sohn, kommen um die Ecke auf der Wasserburger Halbinsel gefahren und sind guter Dinge. 'Das Wetter ist doch gut', sagt der Sohn, der den Fischereibetrieb vor drei Jahren offiziell vom Vater übernommen hat. 'Man muss nur richtig angezogen sein'.

Der 'romantische Morgen' beginnt damit, dass der laut nagelnde Schiffsdiesel gestartet wird und sich warmläuft. Währenddessen laden die Stohrs Kisten und Kübel auf das Boot, das noch an der Mole liegt. Dann geht es los. Die Lichter von ein paar Fischerbooten sind zu erkennen, ansonsten ist der See schwarz. Das Aluminiumboot fährt in Richtung Lindauer Insel. Irgendwo vor Bad Schachen liegen die Netze der Stohrs. Sie sind durch zwei ziegelsteingroße Styroporschwimmer markiert. Es dauert ein paar Minuten, bis Peter Stohr den ersten Schwimmer gefunden hat. 'Sie müssen sich nur an den Dampferanlegepfählen orientieren.'

Vater und Sohn ziehen das Netz gemeinsam raus, das heißt, der Sohn zieht, und der Vater löst die Fische vorsichtig aus den Maschen. Zuerst sind es ein paar Rotaugen, grätenreiche Weißfische, die nicht vermarktbar sind. Sie gehen später als Futter an Tierparks. Jetzt fliegen sie mit einem Wurf aus dem Handgelenk in eine Kiste. Die Felchen, die dann kommen, werden mit geübtem Blick sortiert. Die männlichen sogenannten Milcher wandern in einen Kübel mit Wasser, die weiblichen Laicher in einen anderen. Die Stohrs benutzen die Fachbegriffe aber nicht, sondern sagen schlicht Frauen und Männer.

Seit fast zwei Wochen macht die Fischereibehörde Versuchsbefischungen, um zu klären, ob die Tiere laichbereit sind. Dann wurde der Startschuss für die Laichfischerei gegeben. Eigentlich sollte es die ergiebigste Zeit des Jahres sein, da die Felchen seit zwei Monaten Schonzeit haben, aber beim ersten Netz ist davon nichts zu erkennen. Acht Frauen, sechs Männer aus einem dreißig Meter langen Netz, dazu ein paar unreife und die Weißfische - 'Früher war alles besser', da sind sich die Stohrs einig.

Früher, als der Rheindamm noch nicht so weit in den See geragt hat, der das Wasser im bayerischen Bodensee unruhig macht. 'Da fühlen sich die Tiere nicht wohl', sagt Vater Stohr. Sie zögen Richtung Württemberg. Da hätte er gestern gehört, dass bis zu 100 Fische aus einem Netz kämen.

Auf dem Weg zum nächsten Netz geht die Arbeit los. Der Vater nimmt die Frauen und streicht ihnen mit Daumen und Zeigefinger über den Bauch, so dass ein dicker orangener Strahl Laich in eine Plastikschüssel spritzt. Der Sohn nimmt die Männer, ihr Strahl ist dünner und weiß. Hin und wieder nimmt der Vater dann einen Fisch wie einen Löffel in die Hand und rührt die Brühe mit der Schwanzflosse um - künstliche Befruchtung in der Plastikschüssel. Später werden die Stohrs sie bei der Brutanstalt in Nonnenhorn abliefern.

Dass der See sauberer wird, bedeutet für die Fischer, dass er immer weniger Nährstoffe enthält, die Fische also langsamer wachsen. Um ein ausgewachsenes vierjähriges Felchen zu fangen, braucht man heute eben ein 38er Netz. Die Fischer wissen das, die Politik diskutiert noch, ob die Netze generell zugelassen werden.

Und noch so eine Geschichte mit der Politik erzählen die Stohrs auf der Rückfahrt in den Hafen, während sie die Fische gemeinsam ausnehmen und putzen. 'Früher haben alle die Eingeweide in den See geworfen', berichtet der Vater, das meiste hätten sich Möwen geholt, den Rest die Fische gefressen. Aber auch das sei jetzt verboten. Umweltverschmutzung. 250 Euro hätte der Sohn Anfang des Jahres zahlen müssen, weil er es doch gemacht habe.

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