Kaufbeuren
Beamten-Hip-Hop und «Guido-Jodler»

Was passiert, wenn ein passionierter Finanzbeamter auf einen kölschen Moderator und eine profilneurotische Möchtegern-Diva trifft? Es gibt eine Bombenstimmung. Mit «Herrn Heuser vom Finanzamt» alias Gernot Voltz, Peter Vollmer und Sia Korthaus ließ das Podium zu seinem Silvesterkabarett im Stadtsaal gleich ein ganzes Spaßkommando vom Nordrhein aufmarschieren.

Temporeich und voller Wortwitz lieferten sich die drei einen verbalen Schlagabtausch, bei dem im Publikum kein Auge trocken blieb. Während Vollmer noch einige satirische Pfeile auf die Wertachstadt schoss, pries «Herr Heuser» bereits die Einführung der elfstelligen Steueridentifikationsnummer, die sogar zwanzig Jahre über den Tod hinaus seine Gültigkeit behält. Man kann schließlich nie wissen. «Es gab da mal so einen Fall in Jerusalem, da war nach drei Tagen», aber das sei schließlich über 2000 Jahre her.

Mitreißender Feger

Auch wenn der Finanzbeamte mit der Ausstrahlung eines Aktenschrankes und seiner reichlich trockenen Leidenschaft für Quittungen und Rechnungen (die er sogar auf der Bühne rasch mal aufbügelt) auf wenig Gleichgesinnte stößt, so wurde er musikalisch zum mitreißenden Feger: Auf der Mundharmonika zeigte er zum Gesang von Korthaus und Vollmer (der mit der Gitarre begleitet) ungeahnte Qualitäten.

So flott die Musik, so sarkastisch der Text: «Good bye SPD», ein Lied, das sich mit dem extremen Spagat einer Partei auseinandersetzt, die «links redet und rechts handelt».

Dabei wurde das sozialdemokratische Programm schnell zum «Dammriss», und Vorsitzender Sigmar Gabriel sei als ehemaliger Umweltminister prädestiniert für aussterbende Arten. Schon im nächsten Augenblick wurde die Theorie der großen schwarzen Finanzlöcher von Physikerin und Kanzlerin Angela Merkel erklärt. Und auf die rhetorische Frage «Muss Westerwelle in Arabien eigentlich Kopftuch tragen?» setzte zur «Heidi»-Melodie ein original nordrheinischer Guido-Jodler ein.

Eine durchgängig vergnügliche Show mit satirisch-ernstem Hintergrund und gut gelaunten Darstellern, die sich wunderbar ergänzen und auch solistisch einiges zu bieten hatten. Sia Korthaus etwa bei der «meditativen Klorollensuche» auf Raststätten, Heuser/Voltz als wandelnder Einkaufsroller und Vollmer als Rasta-Man in Bad Wörishofen.

Auch wenn nicht alle Gags gleichermaßen zündeten und das Tempo vorübergehend etwas nachließ, ein Rohrkrepierer war nicht dabei. Wandlungsfähig und bunt zogen die drei alles verbal und musikalisch durch den Kakao, was im vergangenen Jahr Schlagzeilen machte. Von der Wirtschaftskrise über den Afghanistan-Einsatz bis hin zur drohenden Klimakatastrophe.

Am Ende gab es als Höhepunkt neben «Piercing» auf Kölsch und dem «Diskutierer im Bett» einen umwerfenden «Finanzbeamten-Hip-Hop», der den Zuschauern neben begeistertem Applaus anerkennende Pfiffe entlockte. «Das war das alte Jahr», sang das «Spaßkommando Nordrhein» zum Schluss - so unterhaltsam wie in diesem Silvesterkabarett hatte es wohl bis dahin noch keiner empfunden.

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