Auf der Kreisstraße lauert der Tod

Rückholz (ves). - Unübersehbar tummelt sich Leben auf der Wiese gegenüber des Rückholzer Grundweihers: Frösche hüpfen auf und ab. Wie an vielen Stellen im Ostallgäu sind sie nun auf dem Weg zu ihrem Geburtsort, um eine neue Generation zu zeugen. Doch zwischen Wiese und Weiher droht tödliche Gefahr. Hier liegt die viel befahrene Kreisstraße, die von Nesselwang nach Marktoberdorf führt. Dass seit zwölf Jahren trotzdem Tausende von Fröschen, Kröten und Molchen den Weg zu ihrem Laichplatz geschafft haben, verdanken sie den kniehohen Zäunen auf rund 500 Metern beiderseits der Straße. Und dem Engagement der Naturfreunde, die die gefangenen Lebewesen über die Straße tragen. Sobald die Temperaturen ansteigen, beginnen sie den Weg von ihren Winterquartieren in den Wäldern zu ihren Laichplätzen. Später geht es wieder zurück zu den Sommerplätzen. 'Krötenwanderung' wird dies genannt. Doch der Begriff trifft nicht ganz, erklären die Brüder Lipp aus Rückholz. Denn am Grundweiher wandern vor allem Grasfrösche und auch Berg- und Teichmolche. Zu Tausenden: Im vergangenen Jahr wurden hier rund 9000 Frösche, 1600 Kröten und 1000 Molche gezählt. Und über die Straße getragen. Seit zwölf Jahren hilft Ludwig Lipp den Amphibien. Das ist viel Arbeit: Bis in den Mai nimmt er sich Zeit. Jeden Tag muss kontrolliert werden. 'Wenn die Nächte kalt sind, wandern sie tagsüber. Wenn die Nächte warm sind, nachts', erzählt er. Anstrengend sind die nächtlichen Hilfseinsätze, die bis 2 Uhr dauern können. Trotzdem ist dem Rentner lieber, die Amphibien wandern bei Dunkelheit. Schließlich bestellen tagsüber die Landwirte ihre Wiesen. So ist der 64-Jährige immer im Einsatz, oft bei Regen. Nur bei Frost stoppt die Wanderung. Hexenschüsse und Sehnenscheidenentzündungen hat sich der Senior so schon eingehandelt. Doch er hat auch Erfolg: Als Ludwig Lipp 1993 anfing, zählte er 800 Grasfrösche, 450 Kröten und 120 Molche. 'Damals waren die Populationen durch den Verkehr so stark reduziert', erklärt sein Bruder Walter, der ihn seit drei Jahren unterstützt. Als sie Kinder waren, hätte es massenweise Amphibien gegeben: 'Ganze Wolken von Kaulquappen sind durch den Weiher geschwommen.' Damals war die Straße freilich noch nicht geteert, jede Stunde sei mal ein Auto durchgekommen. Heute sei dies anders. Keine Chance für die Amphibien, lebendig von einer Seite zur anderen zu kommen. Mit Hilfe der Brüder Lipp schon: Im 'Spitzenjahr 2000' haben sie 11300 Grasfrösche, 1000 Kröten und 2000 Molche gezählt. 'Das ist fast 15 Mal so viel wie anfangs', freut sich Walter Lipp. Doch es gab auch Rückschläge: In jenem Jahr konnte bei der Rückwanderung kein Zaun aufgestellt werden, an einem Samstagabend mit Gewitterregen wurden in vier Stunden 2000 Amphibien überfahren. Im Jahr darauf kamen nur noch etwa 8000 Frösche.

Warten auf bauliche Lösung 'Ewig' können die beiden Rentner diese Arbeit nicht mehr machen, sagen sie. Und darauf, dass Autofahrer die Amphibien mit langsamer Geschwindigkeit umsteuern, sei nicht zu hoffen. Was gebraucht werde, sei deshalb eine bauliche Lösung. Ein Stück die Straße hinab, da wo diese neu ausgebaut wurde, gibt es schon solche 'Amphibienleiteinrichtungen' mit Tunnels. 'Seit Jahren ist zugesichert, dass solche auch hier am Weiher gebaut werden', schildert Walter Lipp. Die Maßnahme sollte mit dem Bau des Radweges zusammengelegt werden. Doch habe er gehört, dass dieser Bau nun aber gerade wegen der hohen Kosten für den Amphibienschutz verschoben wird. Das macht ihn traurig: Schließlich sei der Übergang bei Rückholz der größte im ganzen Landkreis - 50 Prozent aller Amphibien an Straßenübergängen werden hier gezählt.

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