Rettenberg / Ostallgäu
Anzapf-Kurs für «Biergermeister»

Schade ums Bier, wenn beim Bockbieranstich der Bürgermeister den halben Saal ertränkt wie Reinhold Sontheimer 2006 in Schwangau. Schade ums Geschirr, wenn man wie Eberhard Jehle in Wertach nicht nur die Dichtung durchhaut, sondern gleich auch noch den vom Nothelfer gereichten Krug zertrümmert. Schade um die vertane Zeit, wenn man wie Laurent Mies in Oberstdorf 2009 so viele Schläge braucht, dass das Publikum irgendwann aufhört zu zählen. Und schade ist es auch, wenn man wie Alois Ried in Ofterschwang 2008 den Hammer auf den eigenen Daumen schmettert.

Ob es Engelbräu-Chef Hermann Widenmayer nun um das vergeudete Bier leid war oder er einfach helfen mochte: Um die Bildungslücken der Bürgermeister rechtzeitig vor der Bockbierzeit zu schließen, lud der Rettenberger Bräu zu einem Anzapf-Kurs ein. 14 Rathauschefs kamen, fünf Angemeldete sagten kurzfristig ab: Wegen drängender Amtsgeschäfte, so Widenmayer als guter Gastgeber - «eher aus Versagensangst», so der Oberallgäuer Bürgermeistersprecher Toni Klotz. Bürgermeister sei nun mal «kein Ausbildungsberuf», stellte er ganz nüchtern fest. Und zu den vielfältigen Aufgaben, denen man sich als Ortsoberhaupt notfalls ohne jede Vorkenntnis tapfer zu stellen habe, gehöre eben auch das Anzapfen. Dem Rettenberger Bräu dankte Klotz im Namen aller «Biergermeister» für die hilfreiche Schulung.

Der Brauereichef bot alles andere als ein trockenes Trainingsprogramm und spielte «Russisch Roulette» mit den Rathauschefs: In den Übungsfässern war mit Kohlensäure aufgepepptes Wasser - der Druck sollte ja stimmen - nur in einem war Bier. In welchem, wurde nicht verraten. Der Jungholzer Bernhard Eggel setzte als erster Hahn und Schlägel an das richtige Fass - und strotzte danach vor Selbstbewusstsein: «Der Tiroler hats gefunden!»

Betreut und beraten von den Braumeistern Hansjörg Zeller und Jörg Weinberger schlugen sich die Bürgermeister wacker. Mancher war als Naturtalent oder alter Hase in den Kurs gegangen. Doch auch die «Neulinge» gingen letztlich gewappnet für den entscheidenden Schlag in die Bockbierzeit.

Und weil man immer noch hoffen kann, dass ein anderer noch schlechter zurechtkommt, trieben die Kursteilnehmer zuletzt die bis dato nur feixenden Journalisten an die Fässer. Die Redakteure schlugen sich freilich einwandfrei. Was den Rathauschefs einen letzten gedanklichen Fluchtweg: «Beim nächsten Mal zapft die Presse, und wir fotografieren», meinte Bernhard Eggel. Da bräuchte es aber erst einmal einen Fotokurs für Bürgermeister.

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