Vordersulzberg
Antonius hält den Weiler zusammen

Dumpf schlägt das Perpendikel der Kirchenuhr im Sekundentakt. Annemarie Steiner, deren Familie noch bis zum Magnustag im September den Mesnerdienst versieht, öffnet die leicht knarrende Tür der Kapelle. Sie bringt den Blumenschmuck für die Gedenkmesse für den heiligen Antonius Abbas, des Patrons der Bauern und ihrer Nutztiere. Nachbarn, Freunde und Verwandte feiern mit Pfarrer Hans-Ulrich Schneider die Messe. Auch wenn die Kapelle dem «Sommeranton», dem heiligen Antonius von Padua geweiht ist, wird auch am Gedenktag des heiligen Antonius Abbas die Messe gelesen und gemeinsam gefeiert.

Es ist ein alter Brauch, den die Einwohner von Vordersulzberg bei Roßhaupten pflegen. Zur Antoniuswallfahrt kamen die Menschen bereits 1722, dem Erbauungsjahr der Kapelle. Am Altarsockel ist das Hostienwunder des Antonius von Padua (Patron der Brautleute und der Familie) dargestellt. Einige Votivbilder an der Wand zeigen aber Antonius Abbas, den Einsiedler.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Vordersulzberger zweimal im Jahr einem Antonius huldigen. «Mir ham früher immer den Sommer-Antonius am 13. Juni gefeiert», erzählt Altbauer Gottlieb Steiner. «Im Winter war es viel zu kalt in der Kapelle.» In diesem Jahr hat Annemarie Steiner zum anschließenden Essen eingeladen. Ihre Familie hat seit September 2009 für ein Jahr das Mesneramt inne. Dann folgt der nächste Nachbar. Am großen Tisch versammeln sich die Gäste zum Mahl, auch der Pfarrer ist dabei.

Beim anschließenden Kaffee werden Anekdoten von früher erzählt. «Am 13. Juni feiern wir abends eine Messe zum Gedenken an den heiligen Antonius von Padua und gehen dann gemeinsam mit dem Pfarrer zum Wirt», erzählt die Mundartdichterin. Ihr ist es sehr wichtig, dass die Kapelle regelmäßig von den Menschen aufgesucht werden kann. «Sie sollen hier innehalten können, zur Ruhe kommen und das Gotteshaus mit Leben füllen.»

Familien teilen sich Aufwand

Vor fast 20 Jahren hätten drei Hofbesitzer und ein Gastronom eine Eigentümergemeinschaft für die Kapelle vereinbart. So wurden die Kosten für die Renovierung 1992 geschultert und der Unterhalt der Kapelle sichergestellt. Seit mehr als drei Jahrhunderten teilen sie sich das Mesneramt. Dazu gehört das Gebetsläuten morgens um 6.

30 Uhr (früher um 5 Uhr), mittags um 12 Uhr und abends um 19 Uhr. Es sollte mindestens drei Vaterunser lang geläutet, vielleicht auch ein «Salve Regina» oder der «Englische Gruß» gebetet werden. Annemarie Steiner sieht darin für sich eine Möglichkeit, Dank zu sagen oder Bitten vorzutragen. In der Kapelle gibt es kein elektrisches Licht. Die Seilzüge der alten Turmuhr zieht der Mesner einmal am Tag auf. «Die Leute hatten ja früher keine Uhr», erklärt die Bäuerin «die waren angewiesen auf das Läuten, auch bei Gefahren». Hubert Müller, einer der Miteigentümer, versieht zurzeit das Amt des Uhrenwarts. Sein Großvater Josef Müller hatte 1956 das Uhrwerk gestiftet. «Der Dienst liegt quasi auf dem Haus.» Als Wasserwart ist er auch für die Wasserversorgung des Weilers verantwortlich.

Eine ganz persönliche Freude ist für Annemarie Steiner das Herrichten des Blumenschmucks. Auch Brautleute schätzen dieses Kleinod. Dabei sorgen ihre Freunde oft für die musikalische Begleitung.

Auch in anderen Bereichen halten die Menschen in dem kleinen Weiler zusammen. Gemeinsam haben sie einen Schneepflug gekauft, «so gibt es keine Springerei, wir sind damit unabhängig - aber jetzt muss ich zum Läuten rüber gehen», lacht sie, schlittert über die vereiste Straße zur Kapelle, fasst den langen Strick und beginnt das Angelusläuten.

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