Memmingen
Angeberischer Satzverdreher

Der Saal des Bonhoefferhauses in Memmingen ist an diesem Abend laut und voll, die große Bühne zunächst still und leer - bis auf einen einsamen, alten Küchenstuhl vor dem schwarzen Samtvorhang. Pünktlich und unauffällig setzt sich ein junger Mann auf diesen Stuhl, Rolf Miller, wie immer in Jeans, Turnschuhen und dunklem T-Shirt. Und noch bevor er mit seiner bravourösen Stotterei beginnt, bricht seine Fangemeinde schon in begeistertes Gelächter aus.

Der kluge, gewitzte Kabarettist hat seine Masche: Er springt nicht herum wie Priol, er fuchtelt nicht mit dem Stock wie Schramm, er verzieht nicht die Mundwinkel wie Richling - er sitzt nur da, das Mikro in der einen Hand, zwischendurch eine Wasserflasche in der anderen. Sein «Tatsachen»-Bericht beginnt mit der verworrenen Schilderung eines Autounfalls, in den er zusammen mit seinen besten Freunden verwickelt war. Da redet einer, der mit der Sprache kämpft, dem die Worte nicht einfallen, der alles nur andeuten kann und unvollendet lassen muss.

Rolf Millers Kunstfigur strotzt vor Binsenwahrheiten, scheinbarer Harmlosigkeit und bösen Vorurteilen, so einen hat jeder schon mal am Stammtisch erlebt. Sein Dialekt, irgendwo aus dem Neckar-Odenwaldkreis stammend, outet ihn vollends als Mann aus dem Volk.

Der bauernschlaue Spießbürger, der blasierte Besserwisser, der angeberische Satzverdreher spricht keinen der Zuschauer direkt an, er braucht keine Stichwortgeber aus dem Parkett, er zieht seine sprunghaften Monologe stammelnd und brabbelnd, unbeeindruckt vom Gelächter, sicher und selbstgefällig durch. Er leistet sich dramatisch hochwirksame Pausen, denen er einen «Hammer» folgen lässt.

Verquer und abgedreht

Miller stellt sich fast allen «Tatsachen» der Gegenwart, im privaten und öffentlichen Bereich. Angefangen vom ungewollten Nachwuchs («Ich mag Kinder, aber nicht daheim!») bis zu Obama und Muhammad Ali, den Sportlern und den Politikern («ferngesteuerte Abziehbilder») und den Amis sowieso: «Der Ami kann aus Dreck Scheiße machen!» Einer von Millers «illustren» Freunden meint, «Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte, wäre der Gazastreifen heute ein Golfplatz .

..». Das ist so verquer, so abgedreht, so sinnentleert - und bringt damit den Irrsinn der Lage im Nahen Osten so richtig ins Bewusstsein.

Über die großen Katastrophen, 11. September, Weltkrieg, Mauerfall lässt er sich leicht hüstelnd aus - und muss zwischendurch selber kurz meckernd lachen. Die DDR (sprich: Dädärä) bleibt nicht ungeschoren: Sagt der Ostler zum Westler «Wir sind ein Volk» - sagt der Westler «Wir auch!». Doch es gibt tatsächlich auch Lichtblicke, etwa Loriots Nudelszene zu Sylvester, und den Eisbärenkopf in «Dinner for one». Aber bei der unerträglichen Werbung für «Seitenbacher Müsli» hört sich der Spaß auf.

Das Publikum hätte sich gewünscht, dass der Spaß nach über zwei Stunden Alleingang, nein «Alleinsitzung» auf der Bühne noch weiterginge.

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