Kempten
Alters-Tristesse charmant verkleidet

Die vielbeschworene, mit allerlei Ängsten beladene Vergreisung der modernen Gesellschaft hat auch im Theater Einzug gehalten. Das Alter zeigt sich hier mehr und mehr in einem düsteren Licht, ein übles Gemisch aus Vitalitätsschund, Resignation, Krankheit und halb verdrängter Todesangst. Erträglicher wird das Schreckgespenst, wenn man ihm einen bunten, humorvollen Mantel umhängt, wenn man lachen lässt, wo man eigentlich weinen sollte. Dieses Rezept wählt der Franzose Gerald Sibleyras in seinem Stück «Wind in den Pappeln» und hält damit dem Publikum einen Spiegel vor, der amüsiert und zugleich betroffen macht.

Die Handlung spielt dort, wo sich das Alter zusammenballt: in einem Seniorenheim für betagte, gesundheitlich angeschlagene Kriegsveteranen. Drei von ihnen, die abgehalfterten Offiziere René, Gustave und Fernand, treffen sich auf der Flucht vor der gefürchteten Oberin regelmäßig auf der Terrasse des Heimes. Sie plaudern sinnvoll und sinnlos drauflos, giften sich zynisch an und sind doch unzertrennlich, schmieden große Pläne und verwerfen sie und schauen sehnsüchtig nach den Pappeln in der Ferne, die sich munter im Winde biegen, während sie in bleierne Ruhe verharren. Ein Hund aus Bronze symbolisiert ihre Untätigkeit. Es gibt keinen wirklichen Schluss, das verschattete Leben wird fortdauern bis zur gefürchteten Stunde X.

Das Stück ist auf exzellente Schauspieler angewiesen, sonst könnte der witzig-hintergründige Dialog nicht zünden, der Charme der Alters-Tristesse nicht aufblühen. Das Berliner Renaissancetheater, das im Kemptener Stadttheater gastierte, bot drei versierte Mimen auf, dazu Thorsten Fischer als Regisseur, der das komplizierte Beziehungsgeflecht der drei Alten geschmackvoll inszenierte, alle lauten Töne vermied und die poetischen Nuancen nicht unterschlug.

Zur Besinnung angeregt

Der witzigste und temperamentvollste der drei «Helden» ist Fernand, der mit dem bösen Kopfschuss und den sich ständig steigernden Ohnmachtsanfällen. Jörg Pleva garniert die unterschwellige Todesangst dieser zwittrigen Gestalt mit lustig-meckernden Lachen und fahriger Unruhe.

Gustave, Oberstleutnant a. D. wie Fernand, wird in der Darstellung von Jürgen Thormann eine äußerlich würdevolle Erscheinung, bei der die Verwirrung nur sparsam durchdringt. Harald Dietl als Ranghöchster ist ein Noch-Grandseigneur, der nach letzter Lustanwandlungen vor der Realität zuerst kapituliert.

Die Zuschauer im ausverkauften Haus klatschten lange und dankbar. Sie hatten eine Boulevardkomödie gesehen. Aber eine, die vielleicht mehr zur Besinnung anregt als so manches klassisch-ernstes Stück.

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