Als Frau fühle ich mich in Pakistan respektiert

Von Karin Grunwald | Scheidegg Jacqueline Naseer, geborene Fellner, studierte in Heidelberg Religionswissenschaft, politische Wissenschaft Südasiens und südasiatische Sprachen. Seit neun Monaten lebt die ehemalige Redakteurin des Westallgäuers mit ihrem Ehemann, einem Pakistani, in Pakistans Hauptstadt Islamabad.

Wieso kamen Sie bei Ihren Studien gerade auf Pakistan?

Jacqueline Naseer: Als Journalistin wollte ich ins Ausland. Letztlich entschied ich mich für diese Weltecke, weil das Südasieninstitut in Heidelberg eine exzellente Einrichtung ist.

Was fasziniert Sie an diesem Land, das die meisten Menschen nur mit Terror in Verbindung bringen?

Naseer: Es gibt ein Sprichwort in Urdu, der Nationalsprache: Die fünf Finger einer Hand sind nicht gleich. Ich denke, alles Gute und Schlechte, zu dem Menschen fähig sind, ist überall auf der Welt gleichmäßig verteilt. Positives macht nur nirgends Schlagzeilen. Hätte ich mich nicht auf Religion und Politik spezialisiert, kämen mir die Dimensionen von Armut und sozialer Gewalt in Pakistan sicher noch erschreckender vor, als sie es schon sind. Ich habe das Privileg, nicht selbst darunter zu leiden, und kann mir und anderen Hintergründe und Zusammenhänge erklären. Das verringert Unsicherheit und Hass und kann neue Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Das ist mein Beitrag zum Kampf gegen den Terrorismus.

Wie lebt es sich als christliche Europäerin in einem islamischen Land?

Naseer: Von allen Menschen, denen ich begegnet bin, habe ich Respekt und Wertschätzung erfahren ohne über meinen Glauben Rechenschaft ablegen zu müssen. Die Menschen verlieren nicht so viele Worte über ihre Ansichten, es kommt ihnen vor allem auf den Umgang miteinander an.

Vermissen Sie die westliche Kultur?

Naseer: Ich liebe die deutsche Sprache, daher ist es mein Glück, dass die Hälfte meiner Schwiegerfamilie zeitweise in Deutschland und Österreich lebt und auch deutsch gesprochen wird. Über Werte wie Gastfreundschaft, Familienzusammenhalt, Hilfsbereitschaft, Respekt und Toleranz wird in Deutschland viel diskutiert. In meinem privaten Umfeld spüre ich, dass sie dort stärker gelebt werden als hierzulande, weil sie noch selbstverständlicher - und um der Harmonie in einer Großfamilie willen auch unerlässlich sind. In Deutschland spekulieren viele Bekannte unter dem Eindruck verzerrter Medienberichterstattung, worunter ich in Pakistan wohl zu leiden habe.

Und wie sieht die Wirklichkeit aus?

Naseer: Ich trage weder Burqa noch Schleier, bewege mich per Auto und zu Fuß und beim Sport in den Bergen völlig frei und fühle mich auch sicher. Als Frau fühle ich mich nicht benachteiligt, sondern respektiert. Es ist doch nett wenn ich, alleine mit dem Auto unterwegs, nie von der Polizei angehalten werde.

Das Attentat auf Benazir Bhutto und die anschließenden Demonstrationen haben die westliche Welt aufgeschreckt. Wird das Leben jetzt in Pakistan gefährlicher?

Naseer: 2007 war die Lage ja häufig angespannt, aber wir fühlen uns am Rande Islamabads, wo wir leben, nicht persönlich bedroht. Politische Zusammenkünfte und Militär- und Polizeistationen sollte man meiden. Zwei Dinge bereiten mir Sorgen: Aufgrund der Attentate und der politischen Ränkespiele, die Demonstrationen nach sich ziehen, befindet sich die Bevölkerung in einer Art Dauerhysterie. Die Leute können aufgrund der verschärften Sicherheitsbestimmungen manchmal nicht in die Schule oder zur Arbeit gehen. Dann erörtern alle nur noch die politische Lage. Wie soll das Land auf die Beine kommen, wenn nie Ruhe einkehrt, damit man sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern kann?

Und was ist Ihre zweite Sorge?

Naseer: Meine zweite Sorge ist, dass die Weltöffentlichkeit diese Instabilität gerne auf den Islam zurückführt. Das ist bequem und kommt Politikern entgegen, die sich zur Machterhaltung als Beschützer vor einem radikalen Islamismus aufspielen, den sie sich zu diesem Zweck selber züchten. Es entwertet aber Millionen Menschen und ihre aufrichtige Religiosität zu etwas Irrationalem und Gefährlichem. Ich leide unter der Ungerechtigkeit, dass die Verbrechen, die in Pakistan begangen werden, auf die Gesamtbevölkerung zurückfallen. Derartige Verallgemeinerungen haben schon so manches Land zu einer internationalen Zielscheibe gemacht.

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