Ahnung von Utopia

Von Veronika Krull Bad Hindelang Musik zum bierseligen Mitklatschen war das sicher nicht. Auch wenn die Rhythmen unter die Haut gingen und Finger und Hände sich manchmal einfach rühren mussten. Nicht selten aber saßen die über hundert Zuhörer im katholischen Pfarrheim Bad Hindelang regungslos auf ihren Plätzen. So sehr waren sie gebannt von den fremdartigen und doch vertrauten Klangbildern, die Markus Noichl und seine Freunde bei ihrem Shambhalla Percussion Projekt erzeugten. So wie sich bei den Instrumenten von der Harfe bis zur indischen Tabla, einem Set aus zwei Trommeln, die Kontinente aufs trefflichste zusammenfinden, so sind die Kompositionen geprägt durch europäische, indische, afrikanische und südamerikanische Einflüsse. Was unter dem Strich aber kein Sammelsurium von folkloristischen Versatzstücken ergibt, sondern harmonische Neuschöpfungen einer Musik ohne Grenzen. Seit etwa zwei Jahren spielen der gebürtige Oberstdorfer Markus Noichl, der Süditaliener Pasquale Leogrande und der schwäbische Inder Jörg Holik aus Isny zusammen. Jeder für sich ein Meister auf seinem Instrument. Noichl an der Harfe, die unter seinem Spiel nicht nur in gewohnt gefühlvollen Saitenseufzern erbebt, sondern auch, lautverstärkt, betont rhythmische Sequenzen oder harte handgestrichene Glissandi hören lässt. Leogrande, der sich am klassischen Schlagwerk verausgabt, mit voller Power dröhnt, aber auch mit sanften Schlägen fragile Harfenmelodien effektvoll unterstützt. Und schließlich Jörg Holik, der, im Schneidersitz vor der Tabla hockend, mit den beiden Trommeln nahezu verwachsen zu sein scheint.

Während die linke Hand auf der Basstrommel den Grundrhythmus vorgibt, zaubern die Finger der rechten Hand auf der kleinen Holztrommel in schnellen Schlägen die unterschiedlichsten Tonfolgen. Besonders beeindruckend: das Solo zum Schluss mit der zunächst in Sanskrit-Silben gerapten und dann getrommelten Komposition. Doch die drei Musiker begnügen sich nicht damit, ausschließlich auf ihren Lieblingsinstrumenten zu glänzen. So kniet der Italiener mit Hingabe vor dem Balaphon, einem pentatonisch gestimmten Xylophon mit Kalebassen zur Klangverstärkung, und entlockt ihm weiche, volle Töne. Oder er klemmt sich eine afrikanische Trommel unter den Arm und so hats den Anschein bearbeitet sie mit dem ganzen Körper. Holik ist auch mit der Waterdrum vertraut, zwei Kalebassenhälften, deren untere mit Wasser gefüllt ist, auf der die kleinere umgestülpt schwimmt. Oder er setzt sich auf die peruanische Cajon, zu deutsch Kiste, und schlägt sie mit den flachen Händen. Markus Noichl, der Harfenvirtuose, greift auch hin und wieder zur Obertonflöte oder zur Bansuri, einer indischen Querflöte aus Bambus. Und natürlich zur Trommel, die er, eingehakt in den Hosengürtel, mit wahrer Leidenschaft und unglaublicher Intensität zu schlagen pflegt. Eine Energie, die ansteckend zu sein scheint: Nach der Pause präsentiert er sich mit acht Schülern aus Bad Hindelang, Sonthofen und Imberg, die seit zwei Jahren bei ihm das Trommelspiel erlernen. Offensichtlich erfolgreich, wie die Kostprobe bewies. Shambhalla steht für das himalayanische Utopia, erläutert Jörg Holik. Eine Ahnung davon hat das Trio an diesem Abend aufscheinen lassen.

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