Aggressionen gar nicht erst entstehen lassen

Kempten (aell). - Zeitweiser Ausschluss vom Unterricht oder gar die Einweisung in ein Heim - bei ganz schweren Fällen müsse 'das Gesetz in seiner ganzen Härte' ausgenützt werden, um aggressive Schüler in ihre Schranken zu weisen. Diese Ansicht vertrat Werner Gratzer bei einer Fortbildungsveranstaltung für Lehrer der Kemptener Hauptschulen auf dem Lindenberg und bei der Hofmühle. Die zunehmende Aggressivität dürfe freilich nicht dramatisiert werden. Oft reichten einfache Mittel, um die Situation zu entspannen, erklärte der Fachmann, der sich unter anderem an der Universität Regensburg mit diesem Thema beschäftigt. Dass viele Schüler immer aggressiver werden, steht sowohl für Gratzer als auch für Helmut Nowak, Rektor der Hauptschule auf dem Lindenberg fest: 'Gerauft wurde auf den Schulhöfen auch früher schon. Aber heute ist die Hemmschwelle weit niedriger und die Schläge sind härter', so Nowak. Dies gelte auch in Kempten, wenn auch nicht in so starkem Maße wie in einer Großstadt. Die Gründe dafür seien vielfältig: Zerrüttete Familienverhältnisse, Wertewandel in der Gesellschaft und 'die Scheinwelt in den Talkshows der privaten Fernsehsendern' veränderten das Verhalten vieler Jugendlicher. Damit kämen vor allem ältere Lehrer nicht immer zurecht, behauptet Gratzer: 'Sie unterrichten wie vor zehn oder zwanzig Jahren, die Schüler haben sich jedoch stark verändert'. Dabei sei es gar nicht so schwer, sich auf diese Situation einzustellen.

Der 55-jährige empfiehlt den verstärkten Einsatz von optischen Unterrichtsmitteln wie Folien. Wegen des häufigen Fernseh-Konsums seien Jugendliche eher an optische Vermittlung von Kenntnissen gewöhnt. Wesentlich härtere Bandagen seien zum Beispiel im Kampf gegen Vandalismus angesagt. Der Täter müsse hier so schnell wie möglich den von ihm verursachten Schaden selbst beseitigen, fordert der Experte. So könne vermieden werden, dass sich andere Schüler denken: 'Hier ist doch sowieso schon alles kaputt, da können wir weiter machen.' Ein weiteres Mittel zur Vermeidung von Ausschreitungen könne es zum Beispiel sein, mögliche Täter in die Opferrolle versetzen zu lassen. Dafür müssen sich die Kinder und Jugendlichen an der Regensburger Hauptschule, die Gratzer leitet, unter anderem mit einem Brief auseinander setzen, den ein schwer verletzte Opfer geschrieben habe. Ein zusätzliches Mittel können intensive Gespräche mit Eltern sein. Auch Nowak setzt darauf, dass die Aggressionen gar nicht erst entstehen. So gebe es ein Schulcafé, damit sich die Schüler wohl fühlen. Außerdem sollen speziell ausgebildete Schüler als Streitschlichter frühzeitig eingreifen. Bei allem Einsatz zum Thema Aggressionsabbau seien den Lehrern jedoch Grenzen gesetzt: 'Wir sind weder Therapeuten noch Polizisten', so Gratzer. Die Veranstaltung wurde übrigens vom Lionsclub finanziell unterstützt.

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