Abgestürzte Engel kehren in den Himmel zurück

Von Thilo Jörgl, Hattenhofen/Schwangau Zweieinhalb Jahrhunderte lang schwebten drei lockenköpfige Engel an der Decke der Hattenhofener Kirche St. Andreas. In der Nacht vom 2. auf 3. Januar vergangenen Jahres stürzten die himmlischen Wesen dann auf den Erdboden ab. Warum? Ein Orkantief fegte in jener Nacht über das Allgäu hinweg und erschütterte das Gebälk der Kirche des 150-Seelen-Weilers so stark, dass vom Langhaus ein zwei Quadratmeter großes Fresken-Stück herunterbrach. In Hunderte kleiner Splitter zerschellten auf dem Steinboden drei auf dem Fresko dargestellte Barock-Engel. Zum Leben erweckt hatte die Himmelswesen um 1760 der Kaufbeurener Kirchenmaler Joseph Anton Walch. Jetzt, nach eineinhalb Jahren, werden die Engel wieder Teil des Deckenfreskos, das den Märtyrer Andreas zwischen der Dreifaltigkeit zeigt. Zwar sieht man von den drei barocken Gottesboten derzeit nur Bruchstücke, aber in wenigen Wochen soll das Kunstwerk restauriert sein. 'Im Herbst sieht von unten keiner mehr, dass das Fresko mal kaputt war', sagt Gerhard Diem. Der 54-jährige ist Restaurator und seit einem Monat damit beschäftigt, die Engel neu am Himmel erstrahlen zu lassen. Was hinter der Restaurierung des Kunstwerks steckt, vermag sich ein Laie kaum auszumalen: Einheimische Betriebe ersetzten nach dem Unwetter zunächst morsche Balken und Teile der Betonträger im Dachstuhl. Das Fresko war nämlich aufgrund von Erschütterungen durch Balken - und nicht etwa wegen schlechter Verarbeitung - auf den Boden gefallen. Seit dem Absturz der Engel sichern Holzstützen das Fresko und den Stuck im Langschiff der ursprünglich spätgotischen Kirche. Diem und ein Mitarbeiter sind nun seit Wochen mit einer Sisyphus-Arbeit beschäftigt. In Zusammenarbeit mit dem Schwangauer Unternehmen Franz Sattler befestigen sie mit Putz hunderte kleiner Einzelstücke anhand von alten Fotografien in das Fresko. In einer tagelangen Puzzle-Arbeit hatte Franz Sattler zuvor die Überbleibsel des Freskos am Boden zu einer Art Mosaik zusammengesetzt. 'Als nächstes retuschieren wir die fehlenden Stellen mit Erdfarben', erzählt Diem. Wäre es nicht einfacher und billiger gewesen, das Fresko gleich neu zu malen? Restaurator Diem winkt ab. Ja, billiger vielleicht. Das Landesamt für Denkmalpflege habe aber dem Auftraggeber, der Kirchenstiftung St. Andreas, klar gemacht, dass möglichst viele Original-Teile für diese Restauration benutzte werden müssen. Nur so fließe ein Zuschuss der Denkmalpflege für das rund 100000 Euro teuere Projekt. Wie dringend notwendig Gelder für die Kirchenstiftung sind, betont Kirchenpfleger Wolfgang Guggenmos. Trotz Mitteln vom Landesamt für Denkmalpflege, der Sturmversicherung, des Bezirks, der Diözese, des Landkreises Ostallgäu und der Stadt Marktoberdorf muss die Kirchenstiftung seinen Worten nach 18000 Euro Eigenanteil aufbringen. 'Das belastet uns stark', so Guggenmos. Nachdem die Filialkirche - St. Andreas gehört zur Pfarrei Geisenried - schon in den vergangenen zehn Jahren immer wieder abschnittsweise renoviert worden war, haben die abgestürzten Engel ein Loch in die Kasse der Stiftung gerissen. Um aus der Misere zu gelangen, versuchen Kirchenpfleger Guggenmos und Mesner Martin Unsinn möglichst viele Spenden zu bekommen. 12000 Euro sind bis dato zusammen. Damit noch mehr Geld fließt, haben die beiden Fotos von der Restauration am Kircheneingang aufgehängt. Und auf dem Weihwassergefäß darunter liegen Überweisungsscheine für Spenden.

'Gute Qualität' Restaurator Diem glaubt, dass die Hattenhofener in einigen Monaten schon ihren Gottesdienst wieder in der Kirche ohne Decken-Gerüst feiern können. Nach der Verbesserung der Statik in der Kirche ist Diem davon überzeugt, dass künftig selbst bei starkem Sturm keine Engel oder Heiligen von der Decke stürzen werden. 'Die Qualität des Freskos ist außerordentlich gut. Das Problem war die Statik des Kirchendachs.' Kirchenpfleger Guggenmos ist sich sicher, dass spätestens zum Fest des heiligen Andreas im November die Hattenhofener wieder die Engel sehen können. 'Es wird wieder so aussehen, als wäre nichts gewesen.'

Das könnte Sie auch interessieren

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen
Powered by Gogol Publishing 2002-2018