Blaichach
Abbruch und Neubau: Blaichach im Wandel

Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte Blaichachs: immer wieder Abbruch und Neubau. Die gotische Pfarrkirche von 1424, ersetzt durch ein geräumiges Gotteshaus 1904 und zwei Jahre darauf dem Erdboden gleichgemacht. Fabrikhallen und Arbeiter-Wohnhäuser, hochgestemmt und wieder niedergerissen. Das sogenannte «Schlössle» am Schwarzenbach, eine repräsentative Fabrikanten-Villa mit Türmchen und Erkern von 1886, verschwunden. Alte Bauernhäuser im «Kirchviertel», weg sind sie. Gasthäuser, die «Grüner Baum» hießen und «Lueg ins Land», nur noch Erinnerung in einem Bildband.

Der Wandel des Ortsbilds ist das Beständige an Blaichach, seitdem das bäuerliche Dorf am Schwarzenbach 1850 von Schweizer Geldgebern zum Industrie-Standort erkoren wurde. Otto Staiger führt quasi Buch darüber. Studierstube des 77-Jährigen ist das Blaichacher Gemeinde-Archiv. Oben turnen die Kinder des Kindergartens St. Magnus. Bei Staiger unten im Keller sind Akten gestapelt und Dokumente verwahrt. Die Bilder an der Wand erzählen von einer lebhaften Ortshistorie und vom ständigen Wandel.

Bis heute ist Blaichach, anders als die touristisch dominierten Schwestern ringsum im oberen Illertal, industriell geprägt, selbst wenn mit dem Zuwachs des Ortsteils Gunzesried auch Urlauber hierherfinden. Einst sicherte die Allgäuer Baumwollspinnerei und -weberei den Menschen ihr Brot.

Zeitweise beschäftigte das Werk, dessen Prinzipalen Heinrich Gyr, Rudolf Zellweger und Fritz Gradner als Namensgeber heutiger Dorfstraßen die Zeitläufte überdauern, 1100 Arbeiter.

Wohnviertel schossen empor

Knechte und Mägde flohen von den Bauernhöfen. Menschen kamen von überall her und siedelten sich in Blaichach an. Auf grünenden Bauernwiesen schossen Wohnviertel aus dem Boden, eher wie Mietskasernen aussehend, die Schrebergärten immer hübsch vor der Haustür. Explosionsartig wuchs die Einwohnerzahl. Nach dem Krieg kamen zudem Flüchtlinge aus dem Sudetenland und Schlesien.

Als 1960 die Weltfirma Robert Bosch GmbH mit dem «Zünderwerk» in die Fabrikhallen der Spinnerei einzog und die bisherigen Weber sich mühsam von Baumwolle auf Zündverteiler für Autos umstellten, gab es einen weiteren Schub des Wohlstands in einem Dorf, dessen Hauptstraße um die Jahrhundertwende noch eine staubige unbefestigte Chaussee war.

Archivar Staiger ist ein Kind der Industrialisierung. Schon sein Vater war auf Schicht in der Spinnerei. Der Sohn verbrachte sein ganzes Arbeitsleben bei Bosch. Schon vor und nach dem Ersten Weltkrieg standen Frauen auf den Lohnlisten. Staiger preist noch heute das soziale Gewissen der Fabrikanten. Ein Mütter-und Kindheim mit Entbindungsstation, wie vor 80 Jahren begründet, hatte kaum eine Gemeinde ringsum. Die Vereine zehrten von den Spenden der Industriellen.

Wo Arbeiter sind, wird trotz aller Fürsorge durch die Unternehmen links gewählt. Noch heute ist Blaichach bei Urnengängen der gebeutelten Allgäuer SPD ein Trostpflaster. Von 1946 bis 1952 waltete in Blaichach ein Kommunist als Bürgermeister, frei gewählt und haushoch den Konkurrenten überlegen: Wilhelm Heisele von der KPD. Da war der Spuk der Nazi-Zeit schon vorbei, mit einem KZ-Außenlager von Dachau. In der umfunktionierten Spinnerei mussten an die 800 Häftlinge U-Boot-Motoren bauen. Ein Gedenkstein auf dem Friedhof erinnert an fünf Opfer. Wenn in Blaichach immer wieder Neues entsteht, trauert Archivar Staiger nicht Altbauten vom Kaliber des Ex-Gasthauses «Reichsadler» hinterher. Soll es doch in Schutt und Asche versinken! «Das ist ein verwahrlostes Viertel», wischt der Archivar Nostalgie-Gefühle vom Tisch.

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