Zündholzfabrik: Die

Bagger rollen schon Hallen sollen bald fallen ­ Architekten-Kritik an Abriss. Von Markus Raffler Kempten Für die ehemalige Zündholzfabrik am Weidacher Weg hat das letzte Stündlein geschlagen: Bagger haben bereits mit dem Abriss der Nebengebäude begonnen, ab Dienstag soll die eigentliche Fabrik fallen. Der verschachtelte Komplex zwischen Iller und Feuerwehr weicht einer neuen Bebauung mit Lebensmittel- und Getränkemarkt sowie Wohnungen (wir berichteten). Kritik an dem Abbruch kommt indes von mehreren Architekten. Sie kritisieren die 'in Kempten fehlende Sensibilität für historische Orte'.

Die 1842 eröffnete Zündholzfabrik, in der über 100 Frauen und Männer bis zu fünf Millionen Streichhölzer pro Tag produzierten, nimmt in der Kemptener Industriegeschichte einen besonderen Platz ein: Dort lief ab März 1898 der erste kommerziell genutzte Dieselmotor der Welt. Der Prototyp ­ ein 60 PS-starkes Ungetüm aus den Werkstätten der Maschinenfabrik Augsburg ­ geriet an der Iller jedoch immer wieder ins Stocken. Nach der Schließung der Fabrik 1914 wurde der Motor an eine Ottobeurer Fleischfabrik verkauft, wo er weitere 20 Jahre Dienst tat.

Die Zündholzfabrik selbst gilt wegen ihrer 1885 und 1897 errichteten Shedbauten (charakteristisch für diese Hallen: die zick-zack-förmige Überdachung) als markantes Beispiel früherer Industrie-Architektur. Weshalb sich das 'Architekturform Kempten', ein Zusammenschluss von 20 Architekten der Region, nach wie vor nicht mit dem Abriss der Fabrik anfreunden will.

'In anderen Städten würde man in solchen Hallen ein Museum einrichten', ist Forums-Sprecher Franz-Georg Schröck überzeugt. Doch in Kempten fehle eben vielfach die Sensibilität für historische Orte. Dabei will der Sprecher nicht verhehlen, dass die komplette Sanierung der Shedhallen weit über eine Million Mark kosten dürfte und letztendlich teurer sei als ein Neubau.

Enttäuscht sind die Architekten vor allem, weil die Stadträte den Weg für die neue Bebauung ohne öffentliche Diskussion freigegeben hätten. Hier habe wohl das Angebot des Investors, den städtischen Anteil für die dort geplante Hochwasser-Verbauung zu tragen, für eine schnelle Entscheidung gesorgt.

Umso wichtiger sei nun, dass die übrigen Industriebauten an der Iller ­ darunter der herausragende Komplex der Spinnerei & Weberei ­ erhalten werden. Möglichkeiten für eine sinnvolle Nutzung gebe es mehrere, so Schröck ­ das habe sich etwa jüngst beim Konzert von Klaus Doldinger gezeigt. 'Da sind viele nachdenklich geworden, als sie gesehen haben, was Kempten an Substanz hat.'

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH
Powered by Gogol Publishing 2002-2018