Kaufbeuren
625 Millionen für Stadtmuseum

625 Millionen für das Kaufbeurer Stadtmuseum - bei dieser Meldung wären die Museumsmacher heutzutage alle Sorgen los und der Förderverein könnte getrost seine Aktivitäten einstellen. Dieser Betrag ist dem Stadtmuseum - damals noch «Museum für Volkskunst» - zwar tatsächlich auf einen Streich zugeflossen. Aber das war 1923 auf dem Höhepunkt der Inflationszeit und da reichte die neunstellige Summe gerade mal, um einer einzigen Person den Eintritt in das Museum zu ermöglichen.

Diese Person war der Überlieferung nach ein gewisser Dr. G. Krichauff aus Hochberg bei Traunstein, und der kulturinteressierte Kaufbeuren-Besucher entrichtete den Millionenbetrag in bar. Die Inflation hatte ihren Höhepunkt erreicht. Im Chaos der ständigen Geldentwertung mussten sich auch die Einrichtungen der Wertachstadt für Zahlungen aller Art originelle Bezugspunkte suchen.

Die Kaufbeurer Museen orientierten sich bei ihren Eintrittsgebühren an den Verkaufspreisen für Milch. Am 6. Oktober 1923 kostete der Liter Milch 29,8 Millionen Mark, am 15. Oktober offenbar schon 40 Millionen Sieben Tage später musste Fritz Hoh für drei Personen bereits 90 Millionen hinterlegen, und nach einer Woche hatte der erwähnte Dr. Krichauff für eine Person Geldscheine im Wert von 625 Millionen aus der Geldbörse zu ziehen.

Erst am 15. November 1923 erfolgte eine Währungsreform, die zur Einführung der Rentenmark führte, zum Jahreswechsel die gespenstischen Verhältnisse beendete und auch in den Kassenhäuschen der städtischen Museen wieder für normalen Betrieb sorgte. Kaufbeuren besaß zu dieser Zeit übrigens zwei Museen: Das von Willibald Filser 1879 begründete und 1880 im Haus De Crignis eröffnete Stadtmuseum und das «Museum für Volkskunst» im Kaisergäßchen.

Bemerkenswerter Bedeutungswandel

Das Stadtmuseum zog 1881 ins neu gebaute Rathaus um. Dem Bürgerhaus Kaisergäßchen 12, als landwirtschaftliche Winterschule genutzt, war ein bemerkenswerter Bedeutungswandel vorbehalten.

1899, bei der Vorbereitung für die «Landwirtschaftliche Ausstellung», entschlossen sich der Kaufbeurer Bezirksamtmann Gustav Kahr, der Kurat Christian Frank und der Architekt Franz Zell, eine «Ausstellung für Volkskunst im Allgäu» anzugliedern. Das Haus wurde umgebaut, im ersten Stockwerk mit Bauernstuben aus dem Umland eingerichtet und präsentierte sich schließlich mit einer Sammlung volkstümlicher Gebrauchs- und Kunstgegenstände.

Der Erfolg dieser Ausstellung, die 1901 eröffnet wurde, übertraf alle Erwartungen. Sie lenkte die Aufmerksamkeit auf einen Begriff, der bisher kaum Beachtung fand: die Volkskunde. Etwa 14000 Besucher wurden gezählt. Kahr schenkte diese Ausstellung der Stadt. Sie blieb unter dem Namen «Museum für Volkskunst» für Besucher zugänglich und wurde 1928 durch ein «Ganghofer-Zimmer» bereichert.

Am 12. Juni 1934 beschloss der Kaufbeurer Stadtrat, das im Rathaus nur notdürftig untergebrachte Stadtmuseum in das Haus Kaisergäßchen 12 zu verlegen. Aus beiden Sammlungen entstand das «Kaufbeurer Heimatmuseum».

Das «Stadtmuseum» - wie es gegenwärtig wieder offiziell heißt - fand und findet wegen der Einzigartigkeit und des Erfolges der Ausstellung von 1901 noch heute respektvolle Aufmerksamkeit. Vermutlich war diese ungewöhnliche Tradition auch der Grund dafür, dass für Umbau und Sanierung des Museums relativ reichlich Fördergelder aus ganz unterschiedlichsten Quellen fließen. Denn das erste Stockwerk ist von 1901 bis 2002 nahezu unangetastet geblieben und soll auch nach der Wiedereröffnung 2012 nichts von seinem Reiz verloren haben.

Eine symbolische Grundsteinlegung mit Museumsfest gibt es am Samstag, 18. September, ab 11 Uhr an der Baustelle des Stadtmuseums im Kaisergäßchen. Dabei werden auch Führungen über die Baustelle angeboten. Für die Kinder stehen eine Schatzsuche und ein Baustellenquiz auf dem Programm.

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