Westallgäu / Lindau
«2010 wird noch schwieriger»

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Als im Herbst 2008 der Bankencrash eine weltweite Wirtschaftskrise auslöste, blickten auch Unternehmen im Landkreis Lindau bang in die Zukunft. Ein mittelständisches Unternehmen, das im Jahr der Krise, 2009, trotzdem ordentlich investiert hat, ist die Firma Thomann aus Lindau. Für 6,5 Millionen Euro hat sie ein neues Stahlhandels- und -bearbeitungszentrum in Hergatz gebaut. Wir fragten Firmenchef Rolf Thomann nach seiner Firmenstrategie und nach seinen Prognosen für die wirtschaftliche Entwicklung im Landkreis Lindau. Thomann ist der Meinung, die Talsohle sei noch nicht durchschritten.

Herr Thomann, Sie haben im ablaufenden Jahr ordentlich Geld in die Hand genommen, obwohl es der Wirtschaft weltweit nicht gut ging. Ist die Investition Teil einer langfristigen Strategie?

Rolf Thomann: Ja, das ist richtig. Wir haben uns in der Firma vor ein paar Jahren Gedanken gemacht über unsere Fahrtrichtung. Dabei wurde klar, dass wir für unsere wichtigsten Partner im Handwerk und in der Industrie bestimmte Dienstleistungen anbieten möchten. Dazu gehört auch das Zusägen und Liefern von Stahl. Dieses Versorgungskonzept hat sich gut entwickelt. Und so konnten wir den Schritt wagen, einen neuen logistischen Standort zu suchen. An unseren drei Lindauer Standorten waren wir vom Platz her eingeschränkt. Deshalb haben wir in Hergatz gebaut.

Hat Sie die Wirtschaftskrise in der Entscheidung für die Investition nicht beeinflusst?

Thomann: Oh doch. Aber die Grundsatzentscheidung war schon in den Jahren 2006/2007 gefallen. Mitte 2008 war das Finanzierungskonzept abgeschlossen. Und im Dezember letzten Jahres waren wir an dem Punkt, die Aufträge für den Bau zu vergeben. Damals war die Krise schon da. Wir haben schon nochmal lange überlegt, ob wir das machen. Aber wir als Familienunternehmen denken nicht in ein/zwei Quartalen. Wir haben eher zehn/fünfzehn Jahre im Blick.

Von Unternehmerseite wurde geklagt, die Banken säßen auf ihrem Geld und zierten sich bei der Kreditvergabe. Hatten Sie auch Probleme, die nötigen Mittel zu bekommen?

Thomann: Nein, glücklicherweise hatten wir unsere Vereinbarungen mit den Banken schon vorher getroffen. Wir gehen immer sehr offen um mit den Banken. Und hatten bis zum heutigen Tag keine Probleme mit ihnen.

In welchem Ausmaß bekommt die Firma Thomann die Krise zu spüren?

Thomann: Ich kann zum Beispiel sagen dass die Aufträge eines Großkunden aus der Automobilzulieferindustrie um 50 Prozent zurückgegangen sind. Ein anderer Kunde bestellt normalerweise 600 Tonnen eines bestimmten Materials im Jahr - dieses Jahr waren es nur 320 Tonnen. Auf der anderen Seite muss ich sagen, wir haben in guten Zeiten vorgebaut. Und wir waren im Vertrieb sehr aktiv und konnten neue Kunden gewinnen. Dadurch konnten wir die extremen Umsatzrückgänge zum Teil ausgleichen.

Gab oder gibt es bei Ihren Mitarbeitern Angst um ihre Arbeitsplätze?

Thomann: Wir hatten und haben in Teilbereichen Kurzarbeit. Aber bezüglich Arbeitsplatzabbau gibt es momentan keine Überlegungen. Wir stehen sogar vor zwei Neueinstellungen.

Mit welchem Gefühl sind Sie persönlich in das Jahr 2009 gestartet?

Thomann: Zum Teil mit einem unsicheren Gefühl - aber trotzdem mit der Überzeugung, dass wir das schaffen und dass unser Weg richtig ist.

Und wie blicken Sie als Geschäftsmann in das neue Jahr?

Thomann: Mit der gleichen Einstellung. Es herrscht noch immer Unsicherheit. Rein gefühlsmäßig sehe ich 2010 als das schwierigere Jahr an als 2009. Ich bin da sehr vorsichtig.

Sie engagieren sich in der IHK und haben dadurch Kontakt zu den Unternehmern im Landkreis. Wie schätzen Sie deren aktuelle Stimmung ein?

Thomann: Verglichen zu dem, wie es bundesweit aussieht, ist die Stimmung hier noch relativ gut - je nach Branche natürlich unterschiedlich. Ich habe engen Kontakt zu einer großen Spedition. Für die ist es in Teilen schwierig, aber sie gewinnt auch neue Kunden. Einzelne, zum Beispiel in der Metallverarbeitung, tun sich schwer. Und es gibt auch vereinzelte Härtefälle, denen das Wasser bis zum Hals steht. Aber in der Summe ist unsere Region relativ stabil.

Glauben Sie, die heimische Wirtschaft hat die Talsohle schon hinter sich?

Thomann: Nein, auf keinen Fall. Wir sind im Tal angekommen, würde ich sagen. Aber wir werden da noch eine Weile weiterwandern, bevor wieder ein Anstieg kommt. Bis wir wieder auf dem Niveau von 2007 sind, dauert es sicher noch bis 2011 oder 2012.

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