Er war eine Seele von Mensch

Architekt Bielenstein aus Riga lebte als Flüchtling bei Bauern ­ Morgen Lesung Eggenthal (dam). In den Kriegswirren des Jahres 1945 flieht der lettische Architekt Bernhard Bielenstein mit seiner Familie von Posen in Richtung Süden. In einem kleinen Allgäuer Dorf kommen Bielenstein und seine Frau unter: auf dem Bauernhof der Familie Hofmann in Eggenthal. Bis 1958 lebt der in seiner Heimat bekannte Architekt dort, hilft den Bauersleuten, hütet das Vieh ­ und schreibt ein Buch über sein Leben. Am morgigen Mittwoch liest Bielensteins mittlerweile über 80-jährige Tochter Barbara in Neugablonz aus dem Buch.

Zu der Zeit als Bernhard Bielenstein auf den Hof nach Eggenthal kam, war Josef Hofmann gerade in Kriegsgefangenschaft. 1948 kehrt er nach Eggenthal zurück und lebte dann zehn Jahre mit Bielenstein unter einem Dach. Der 75-jährige Hofmann erinnert sich gut an den aus Riga stammenden Flüchtling: 'Er war ein schlanker Mann mit grau melliertem Haar, nicht groß und eine Seele von Mensch.' Bielenstein, der in Riga ein großes Haus mit 14 Zimmern besaß, lebte in Eggenthal unter wesentlich einfacheren Verhältnissen. Zusammen mit seiner Frau Betty war er in einer alten Schlafkammer im Obergeschoss des Bauernhauses untergebracht. 'Das Zimmer war vier auf fünf Meter groß und diente den Eheleuten als Küche, Bad, Wohn- und Schlafzimmer in einem', erinnert sich Josef Hofmann.

Der 1877 geborene Bielenstein arbeitete auf dem Hof nach Kräften mit. Er ging jeden Tag in den Stall, putzte die Pferde, trieb die Kühe aus und hütete das Vieh. Der Architekt half auch im Garten mit und hängte die Wäsche auf. 'Und wenn wir aufs Feld gehen mussten, hat er auf unsere drei Kinder aufgepasst. ,Bielenstein-Opa` haben die ihn immer genannt', sagt Resi Hofmann, die seit 1951 mit Josef Hofmann verheiratet ist.

1957 gab es auf dem Bauernhof ein großes Fest: Betty und Bernhard Bielenstein feiern goldene Hochzeit. 'Alle vier Kinder kamen mit ihren Enkeln. Auch viele Leute aus dem Dorf waren da', erinnert sich Josef Hofmann. Ein Jahr später zog das Ehepaar Bielenstein nach Neckarsulm, wo eine Tochter lebte. 1959 starb Bernhard Bielenstein. Die Hofmanns erfuhren davon durch eine Postkarte. 'Die Tochter Barbara hat uns geschrieben. Danach ist der Kontakt abgerissen.'

Dass nun jene Barbara zu einer Lesung nach Neugablonz kommt, wussten die Hofmanns bis vor kurzem gar nicht. Nun aber sind sie sehr gespannt. 'Wir fahren auf alle Fälle hin, denn wir wollen Barbara Bielenstein unbedingt sehen', sagen sie. Einen weiteren guten Grund gibt es: Bernhard Bielenstein verfasste das Manuskript seiner Lebenserinnerungen 'Die Häuser aber blieben' 1949 in Eggenthal, im Haus der Hofmanns.

i Wer mehr über den Architekten Bernhard Bielenstein erfahren möchte, hat dazu am Mittwoch, 3. November, in Neugablonz Gelegenheit. Um 19 Uhr lesen Barbara Bielenstein und Peter-Jochen Bosse aus dem 1998 erschienenen Buch 'Die Häuser aber blieben'. Der Vortrag findet im Gablonzer Haus statt. Veranstalter ist der Ortsbildungsausschuss Neugablonz in Zusammenarbeit mit der Stadtbücherei.

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