• 12. April 2011, 00:00 Uhr
  • 10× gelesen
  • 0

Konzert
Singspiel von Anna Amalia von Sachsen-Weimar aufgeführt

«Reproductives Genie kann dem schönen Geschlecht zugesprochen werden, wie productives ihm unbedingt abzuerkennen ist. Eine Componistin wird es niemals geben, nur etwa eine verdruckte Copistin.» So frauenverachtend war der Zeitgeist noch im 19. Jahrhundert, dass der Musikkritiker Hans von Bülow (von Clara Schumann ausgebildet!) um 1890 diese Töne spuckte. Natürlich kannte er vom Hörensagen auch so eine «verdruckte Copistin» aus dem Jahrhundert davor: Anna Amalia von Sachsen-Weimar.

Als innovative Regentin des Herzogtums (1758 - 75) für ihren Sohn Karl August sorgte sie dafür, dass der junge Goethe an ihrem Musenhof zu Höchstform auflief, wie Susanne Wosnitzka in ihrem Einführungsvortrag zum Konzert des Orchestervereins Kempten im Stadttheater erzählte. Sie stürzte sich begierig auf seine Theatertexte, komponierte 1775 die Musik zu «Erwin und Elmire», einem Schauspiel mit Gesang.

Mary Ellen Kitchens hatte die Idee, dieses fast vergessene Singspiel konzertant im Kemptener Theater aufzuführen - mit dem Orchesterverein (ergänzt durch Horn, Oboe, Fagott und Flöten), vier Solisten und Sabine Schwenk als Sprecherin. Den zweiten Teil des Konzertabends bildete Ludwig van Beethovens Musik zu Goethes «Egmont» (1810), ebenfalls mit verbindenden Texten.

Samtweicher und klarer Sopran

Selbstverständlich ist Beethoven als männlicher Musiker - auch im Urteil von Bülows - über jeden Zweifel an seinem «productiven Genie» erhaben. Aber mit der gesellschaftlichen Geringschätzung des «schönen Geschlechts» hat auch Klärchen, die heimliche Geliebte Graf Egmonts, zu kämpfen: «Wär ich ein Bube, o hätt ich ein Wämslein und Hosen und Hut! O wär es schön, ein Mannsbild zu sein!», so singt sie in ihrem Soldatenliedchen zu Beginn (Heike de Young, Sopran, samtweich und klar intonierend).

Erklärende Zwischentexte

Bis zu Egmonts melodramatischem Tod - «eingehüllt in gefälligen Wahnsinn versinken wir und hören auf zu sein» - schauspielert Sabine Schwenk höchst lebendig und professionell die erklärenden Zwischentexte. Voll in Form ist auch der Orchesterverein.

Und Anna Amalia? Zeigt sie sich mit ihrer Musik zu Goethes Singspiel als «Componistin»? Zweifellos. Ihre Partitur beweist das Niveau der Mannheimer Schule, also eines Stamitz, Richter oder Danzi - wenn auch ihre Version des «Veilchen»-Liedchens wenig später von Mozarts Geniestreich getoppt werden wird.

Die Handlung der Szenenfolge ist kaum der Rede wert: Elmire kriegt ihren Erwin, nach allerlei tragikomischem Mummenschanz. Ernst Hefners Solo-Violine beim Entreacte klingt seltsam leidenschaftslos, trotz schönem Legato im schnellen Detail musikantisch verschliffen.

Die Rolle des Bernardo, Elmires väterlichem Freund, singt Tenor Markus Zapp mit Ausdruck. Wärmer und voller im Ton klingt Markus Herzogs Tenor als «Erwin». Heike de Young ist auch hier schon kurz im Einsatz (Mutter «Olympia»).

Gertrud Hiemer-Haslach glänzt

Und krönend überstrahlt fast alle Liedfolgen der kraftvoll-kernige Sopran von Gertrud Hiemer-Haslach, in der Hauptrolle der «Elmire». Herzlicher Schlussbeifall im locker besetzten Haus.

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH
Powered by Gogol Publishing 2002-2018