Porträt
Ein Roter Teufel im Kloster

Der Eingangsbereich des Büros von Dr. Markwart Herzog im Kloster Irsee ist schmal. Was dazu führt, dass man mit der Schulter ein Plakat an der Wand touchiert. Darauf blickt Muhammad Ali seinem Gegner Karl Mildenberger in die Augen und in dicken Lettern wird verraten, dass sich die Weltklasse-Boxer am 10. September 1966 im Frankfurter Waldstadion gegenüberstehen. Herzog war kein Augenzeuge dieses Faustkampfes. Er hat das Plakat aus anderem Grund an die Wand genagelt: Mildenberger ist Mitglied des 1.FC Kaiserslautern; jenem Klub, dem Herzog sein Herz geschenkt hat. Für immer und ewig, wie der Leiter der Schwabenakademie versichert.

Seit Dezember letzten Jahres leitet Herzog die Akademie in Irsee als Direktor, organisiert Tagungen mit namhaften Dozenten und stellt Veranstaltungsreihen wie den Kunstsommer auf die Beine. Doch wir wollen mit dem 52-jährigen Wissenschaftler und Buchautor über Sport sprechen, speziell über Fußball.

Zumal am Wochenende im Kloster Irsee eine internationale Tagung ansteht, die das Thema «Sterben, Tod und Jenseitsglaube im Fußballsport» behandelt. Akademiker im Umgang mit der populärsten Sportart hierzulande. Der ist Herzog schon als Bub verfallen, damals in Heilbronn, wo er zur Welt kam.

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Noch gut kann er sich an die Verbote des Vaters erinnern, der ihn und seinen Bruder warnte: «Drei Dinge habt ihr zu unterlassen: Coca Cola trinken, Comics lesen und Fußball spielen.» Herzogs Vater war ein überzeugter Nazi gewesen. Was aus Amerika oder England kam, hatte in seinen Augen keine Berechtigung. Heute verrät der Direktor: «Genau diese drei Dinge reizten mich.»

Erlebnisse, die lange nachhallen

Herzog wurde Anhänger des 1. FC Kaiserslautern, der Roten Teufel, wie die Pfälzer sich selbst nennen, «weil dieser Traditionsverein sich trotz bescheidener wirtschaftlicher Möglichkeiten immer behaupten konnte.» Herzog hat kein Problem damit, den Vereinsschal um den Hals zu legen. Oder seinen Kindern eine Teufelsmütze aufzusetzen.

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Passt das? Promovierter Philosoph und Theologe und gleichzeitig ein glühender Fußball-Fan? «Ja, natürlich», sagt Herzog, «dieser Sport bietet Gesprächsthemen und echte Dramen, ruft Emotionen hervor und ist für viele Lebensinhalt.» Und er garantiere Erlebnisse, die lange nachhallen. Auch für einen wie ihn.

Erster Rückpass; Freitag, 27. August 2010: Markwart Herzog und Sohn Anselm (17) nehmen den Zug von Kaufbeuren nach Kaiserslautern. Heute ist ein besonderer Tag. Zweiter Bundesligaspieltag, Lautern gegen FC Bayern. Da muss der Irseer, der in der FCK-Stadionzeitung eine eigene Kolumne, gute Kontakte zum Klub und zu Heimspielen freien Eintritt hat, vor Ort sein. Platz nehmen auf dem Betze, «weil es einem dort kalt über den Rücken läuft».

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Er und sein Sohn steigen am Bahnhof aus und nehmen jenen Fußweg, den die FCK-Teams immer dann eingeschlagen haben, wenn sie Meisterschaften errungen hatten und mit dem Zug wieder zu Hause ankamen. Nach zehn Minuten Fußmarsch sind die beiden am Ziel, vorm Haus der Witwe Liebrich. Ihr Mann Werner war einer der Helden der 54er-Weltmeisterelf, und noch heute verbindet Herzog mit dieser Familie eine enge Freundschaft. Übernachten darf er in jenem Zimmer, in dem einst Otto Rehhagel wohnte. Man hat sich einiges zu erzählen, aus der Welt des Sports und der Politik. Herzog trifft sich auch mit Norbert Thines, dem früheren FCK-Präsident. Am Abend gehts auf den Betze. Der bebt Stunden später, denn die Roten Teufel ziehen den Bayern die Lederhosen aus - mit 2:0. Herzog weiß nach diesem Besuch, dass er dem Verein und den Menschen dort die Treue halten wird. <%tbr scl_width='600' scl_height='15' title='Trenner' from='inject'%>

Fußball in seiner Komplexität, das interessiert ihn. Und so begann er vor Jahren, sich dem Thema Fußballsport im Dritten Reich zu nähern. Er schrieb das Buch «Der Betze unterm Hakenkreuz». Acht Jahre recherchierte er, führte ungezählte Gespräche. Auch jenes mit einem Mitglied des FCK-Vorstandes, der ihn flehentlich aufforderte: «Aber über den Fritz darf nichts Schlimmes rauskommen.» Herzog ist Wissenschaftler, weshalb er antwortete: «Wenn ich etwas entdecke, schreibe ich es.» Er entdeckte nichts. Im Gegenteil: Fritz Walter soll in einem Vereinsheim sogar mal «Heil Moskau» gerufen haben.

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Zweiter Rückpass, vor wenigen Wochen: Die Familie Herzog gönnt sich einen Urlaub in Edinburgh. Eines Nachmittags steuern Vater und Sohn das Tynecastle Stadion an. Sie bekommen eine private Führung, das Gefühl für britische Stadion-Atmosphäre und die Info, dass Fans nach ihrem Tod die Asche im Stadion verstreuen lassen. Herzog ist beeindruckt.

Dieses Ritual spannt quasi den Bogen zur Tagung in Irsee mit dem Titel «Sterben, Tod und Jenseitsglaube» und zeigt, welchen Stellenwert der Fußball für viele Menschen hat.

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