Tierfreunde
Von Menschen adoptiert: Rehkitz-Waise Ricki fühlt sich wohl in Gestratzer Haushalt

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Große Kulleraugen, zarte, grazile Bewegungen: Unwillkürlich denkt man an Bambi, den Disney-Film über ein Rehkitz. Ricki löst Gefühle aus. Besonders bei Raimund Veser (53) und seiner Lebensgefährtin Michaela Nobis aus Gestratz im Westallgäu.

Die beiden haben das Rehkitz sozusagen adoptiert. Und Parallelen zu Bambi sehen sie oft. "Wenn Bambi im Film einen Schmetterling sieht, ist es total interessiert, rennt ihm hinterher und will sogar mit dem Schmetterling spielen. Und das macht Ricki auch." Auch optisch sehen sich die beiden sehr ähnlich. Bis vor Kurzem hatte Ricki auch noch die typischen Bambi-Rehkitz-Punkte.

Manche Entscheidungen trifft das Leben

Raimund Veser hatte kaum Zeit, sich zu entscheiden, als der Anruf kam. An einem Sonntagabend im Mai klingelte das Telefon. Eine Jägerin, die mit ihm verwandt ist, rief an und fragte ihn, ob er Interesse hätte, ein Rehkitz aufzuziehen, das seine Mutter verloren hat. Kurze Rücksprache mit der Freundin, dann war klar: "Ja, wir probieren es." Aber wie geht das eigentlich, ein Rehkitz aufzuziehen?

Zunächst hatten die beiden keine Ahnung. Ricki war einen Tag alt. Was frisst so ein kleines Wesen? Die Recherche im Internet half weiter. Man glaubt es kaum: Es gibt eigene Seiten speziell für die Aufzucht von Rehkitzen, inklusive Hilfs-Hotline.

Ricki war ein sehr schwaches Kitz. Zunächst war die Frage, ob es die Nacht überlebt. Erste-Hilfe-Maßnahme, um sie aufzupäppeln: Schafsmilch vom benachbarten Bauernhof, temperiert auf 39 Grad mit einer Spritze. Als natürliches Vitamin-Präparat gab es Eigelb von den eigenen Hühnern.

In den nächsten Tagen folgte eine aufwändige Rund-um-die-Uhr-Versorgung. Alle zwei Stunden füttern. Das Rehkitz erkennt maximal zwei Bezugspersonen an, von denen es auch Futter annimmt. Raimund und Michaela stemmten also alles im Alleingang und wurden so die "Ersatzeltern".

A propos Futter: Was man alles lernt, wenn man ein junges Rehkitz versorgt. Es braucht Erde. Am besten Maulwurfserde. Das Rehkitz frisst diese Erde wie eine Leibspeise. Dazu täglich frische Ziegenmilch, die ist der Rehmilch am ähnlichsten. Frische Blätter sammeln kommt noch dazu. Viel zu tun, und das jeden Tag. Da fällt in den Urlaub fahren oder auch nur übers Wochenende weg sein flach.

Viel Hingabe gehört dazu, wenn jeder Tag bereits um 6.30 Uhr mit Füttern beginnt und mit Ganztagsbetreuung weitergeht. Raimund und Michaela koordinieren ihre Tagesabläufe inklusive der Schichten am Arbeitsplatz so, dass so gut wie immer jemand für Ricki da ist.

Diese Hingabe ist auch der Grund, warum Ricki hier gelandet ist. Raimund ist auch in Jägerkreisen als Tierfreund bekannt. Schafe, Hunde, Hühner: Auf seinem Grundstück kümmert er sich schon seit langer Zeit um Tiere. "Sie sagen immer "Dr. Doolittle" zu mir", sagt er und lacht. Auch das Umfeld passt: Raimund und Michaela leben in einem ruhigen Umfeld mit viel Grün rundherum, wenige Meter vom Waldrand. Die beiden haben keinen Rasen, sondern eine Wiese. Ein Gehege mit viel Platz sorgt für Rickis Sicherheit vor Füchsen. All das spielt eine Rolle, wenn man ein Wildtier großziehen soll.

Was Raimund wundert, ist, dass es ein Rehkitz aufzuziehen gar nicht so ungewöhnlich ist, wie man meint. Nachdem er quasi die Vaterschaft für Ricki übernommen hat, ist er mit vielen Leuten ins Gespräch gekommen, auch mit älteren Menschen, die ihm erzählt haben, dass früher fast jeder Bauernhof zwischendurch mal ein Rehkitz hatte. Bei der Feldarbeit haben die Landwirte die hilflosen Geschöpfe entdeckt und dann bei sich aufgepäppelt.

Heutzutage wissen allerdings die Wenigsten, wie man ein Rehkitz entsprechend versorgt. Hilfe dazu gab es im Internet auf Seiten, die sich speziell mit dem Thema beschäftigen. Hier fanden Raimund und Michaela ganze Anleitungen mit Schritt-für-Schritt-Erklärungen, was zu beachten ist. Wertvolle Tipps kommen auch aus Internetforen und von Leuten, die selbst bereits ein Rehkitz großgezogen haben und mit den beiden in Kontakt getreten sind. So haben die Rehkitz-Eltern bisher noch nicht mal einen Tierarzt gebraucht.

Ricki ist und bleibt ein Wildtier. "Das darf man bei aller Niedlichkeit nie vergessen", sagt Raimund. "Es ist kein Haustier, keine Katze, kein Hund, kein Schaf." Er betrachtet Ricki als besonderen Gast, den er für eine gewisse Zeit beherbergen darf und dafür sorgt, dass der Gast überlebt. "Ein Wildtier gehört in den Wald und da soll es auch wieder hin."

Demnächst startet bereits die Vorbereitung für die Auswilderung nach dem Winter. Ricki bekommt ein Halsband mit Kennzeichnung. Daran muss es sich erst gewöhnen, den Umgang damit, dass es sich, falls es mal im Gestrüpp hängen bleibt, auch befreien kann. Jäger erkennen Ricki an diesem Halsband und werden es dann nicht erschießen.

Wenn es so weit ist, wird allen dreien der Abschied schwerfallen. Mit etwas Glück kommt Ricki aber dann zurück, wenn sie selbst Mutter von kleinen Rehkitzen wird, "die sie dann, so sagt man, im Haus oder am Haus wirft, und sie sogar dem Ziehvater und der Ziehmutter vorstellt." Darauf freuen sich Raimund und Michaela jetzt schon.

Autor:

Holger Mock aus Kempten

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