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Nach der Gewalt: Das Leben in einem Allgäuer Frauenhaus

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Wenn Frauen zuhause Opfer von Gewalt werden, können sie diese Situation nicht lange aushalten. Zumindest sollten sie das nicht tun. Von häuslicher Gewalt betroffene Frauen finden Ruhe und Schutz in Frauenhäusern. Dort können sie das Erlebte so gut es geht verarbeiten.

Frauen aus dem Allgäu finden zum Beispiel im Frauenhaus Kaufbeuren Hilfe, Sicherheit und Rat. Der Träger dieses Frauenhauses ist der Sozialdienst katholischer Frauen Augsburg. Die Kosten werden außerdem von der Stadt Kaufbeuren, vom Bundesland Bayern und vom Landskreis Ostallgäu übernommen.

Der Förderverein im Frauenhaus Kaufbeuren/Ostallgäu unterstützt zusätzlich, beispielsweise werden Spenden für die Finanzierung von Kita-Plätzen gesammelt. Am Samstag, 20. April 2013 wird ein Benefizkonzert im Jugendzentrum Kaufbeuren veranstaltet, bei dem wieder kräftig gespendet werden kann. Für die Kontaktaufnahme gibt es beispielsweise eine kostenlose 24-Stunden-Telefonhotline: 08341 / 16616.

Doris Wenzel, Diplom-Sozialpsychologin organisiert die Aufenthalte der Frauen, die meist im Alter von 28 bis 40 Jahren sind. Insgesamt stehen fünf Zimmer zur Verfügung, wobei meist mehr Frauen nach einem Platz im Frauenhaus fragen. Doris Wenzel berichtet in einem Interview von Leben und Alltag im Kaufbeurer Frauenhaus.

Welchen Zweck erfüllt ein Frauenhaus?

Wenzel: Die Frauen bekommen hier Schutz, Sicherheit, Unterstützung und Beratung. Für viele ist es ein ganz wichtiger Aufenthalt hier, weil sie wieder zur Ruhe kommen können und sich selbst ganz neu kennenlernen.

Auch die Gemeinschaft der Frauen stellt eine große Hilfe dar, weil sie Leidensgenossinnen treffen, die ihnen Stärke geben. Unser Wunsch ist es, den Frauen wieder neues Selbstbewusstsein zu vermitteln und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie alleine ein gutes, gewaltfreies Leben führen können.

[[i]Kommt eine Frau immer in das nächstliegende Frauenhaus oder ist auch eine größere Distanz zum Heimatort möglich?[/i]

Wenzel: Viele Frauen wollen gar nicht in ein Frauenhaus in der Nähe, da sie sich dort schneller bedroht fühlen, wenn sie auf die Straße gehen. Von daher ist es auch für uns oft besser, Kaufbeurer Frauen woanders hin zu schicken und lieber Frauen von anderen Orten hier aufzunehmen.[/p]

Müssen die Frauen für ihren Aufenthalt hier bezahlen?

Wenzel: Ja, leider ist es nicht kostenfrei. Wir verlangen 10 Euro für die entstehenden Nebenkosten wie Strom und Heizung, wenn eine Frau einen Tag lang hier ist, 3 Euro für die Kinder. Wenn eine Frau länger bleibt und einen Antrag beim Jobcenter stellt, werden die Kosten dort teilweise übernommen, falls sie kein eigenes Geld hat. Je nachdem, wie ihre finanzielle Situation ist, muss sie dann einen Eigenanteil bezahlen.

Wie sieht der Alltag hie</em><em>r im Frauenhaus aus?

Wenzel: Die Frauen leben hier wie in einer Wohngemeinschaft. Jede hat ihr Zimmer und alle haben eine gemeinsame Küche, gemeinsame Wohnräume. Für die Kinder gibt es ein Spielzimmer. Es muss halt organisiert werden, dass das Zusammenleben einigermaßen klappt.

Am besten ist es, wenn sie sich zusammensetzen und besprechen, wann gekocht und gegessen wird. Was immer wieder ein Thema ist, ist natürlich die Sauberkeit. Diese ist für die Frauen unterschiedlich wichtig und dadurch kann es hin und wieder zu Uneinigkeiten kommen. Mit der Kinderbetreuung ist es ähnlich. Wir versuchen, dafür immer ein paar Tipps zu geben, wie sie diese am besten umsetzen können, damit es funktioniert.

Es ist so, dass hier verschiedene Kulturen zusammentreffen, was auch recht spannend ist. Man kann sagen, dass wir hier die ganze Welt im Haus haben. Einmal hatten wir eine mongolische, eine russische, eine peruanische, eine türkische und eine deutsche Frau zusammen hier im Haus, das ging aber ganz gut. Sie konnten viel voneinander lernen und haben sich ausgetauscht. Aber es kam auch vor, dass es mit der Sprache nicht so klappt, da kann es mal zu Missverständnissen kommen. Aber da wir nicht ausschließlich über die Sprache kommunizieren, klappt es mit der Verständigung meistens.

Können die Bewohnerinnen das Frauenhaus jederzeit verlassen?

Wenzel: Die Frauen haben einen eigenen Schlüssel und alle Freiheiten. Es ist nur so, dass sie häufig Angst haben, rauszugehen. Dann muss man nach Wegen finden, sie zu begleiten oder Möglichkeiten finden, dass sie jederzeit Hilfe holen können.

Aber es gab schon die Situation, in der eine Frau mit ihrer Tochter in den Park gegangen ist und sich dort mit dem Vater verabredet hatte, weil er seine Tochter sehen wollte. Schließlich rannte er mit dem Kind weg. Das war natürlich ziemlich schlimm. Sie hat dann Hilfe von den Menschen vor Ort bekommen und die Polizei gerufen.

Gibt es Regeln, an die sich die Bewohnerinnen halten müssen?

Wenzel: Es gibt einige Regeln, ja. Sie dürfen die Adresse nicht weitersagen, es gibt eine interne Telefonnummer, die sie geheimhalten müssen, sie müssen uns Bescheid sagen, wenn sie aus dem Haus gehen und mitteilen, wie lange sie in etwa wegbleiben werden. Letzteres ist sehr wichtig, wenn eine Frau stark gefährdet ist, denn nur so können wir etwas unternehmen, wenn sie nicht rechtzeitig zurückkommt.

Außerdem wollen wir, dass sie sich selbst um ihren Haushalt kümmern und die Kinder gut versorgen und beaufsichtigen. Die Sauberkeit in den Gemeinschaftsräumen und dem eigenen Zimmer ist wichtig, besonders auch beim Auszug. Wichtig ist, dass sie niemanden mit ins Haus bringen und sich nicht bis zum Haus hin fahren lassen, wenn sie jemand bringt. Die Umsetzung dieser Regeln klappt allerdings nicht immer reibungslos.

Wie gehen Sie persönlich mit den Erlebnissen der Frauen um?

Wenzel: Ich gehe damit so um, dass es Erfahrungen sind und ich versuche, diese nicht zu bewerten. Ich versuche mich nicht selbst zu fragen, warum eine Frau das erlebt oder ob sie womöglich selber schuld ist. Ich gucke eher auf das, was jetzt ist und was sein wird, als auf das, was war.

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