Kreuzwege im Westallgäu
Kreuzwege im Westallgäu: Der Marterweg in Stiefenhofen endet in erschütternder Stille

Christen nutzen die Fastenzeit für die Vorbereitung auf Ostern. Doch vor der Auferstehung stehen Leiden und Tod Jesu. In meist 14 Stationen stellen Bildnisse in katholischen Kirchen die Passion dar und laden Gläubige zur Meditation ein. Verschiedene Kreuzwege in der Region sollen während der Fastenzeit hier vorgestellt werden. Die Stationen in der Stephanskapelle von Genhofen (Gemeinde Stiefenhofen) erschüttern mit einer schonungslosen Darstellung des Leidens Jesu.

In wenigen Gotteshäusern erreicht die gemalte Passsion den Besucher so direkt wie hier. Denn selten hängt sie so gut sichtbar, kann die Bildfolge von so nah betrachtet werden.

Den vor rund 200 Jahren entstandenen Tafeln ist ihr Alter anzusehen. Die Farbflächen sind von Rissen durchzogen, manche Töne etwas verblasst. Doch obwohl sich Patina über die Malerei gelegt hat, ist die ursprüngliche Strahlkraft der Ölfarben noch gut zu erkennen.

Es dominieren die Töne Rot und Rotbraun, was die Grausamkeit des Dargestellten unterstreicht. Offenbar möchte der unbekannte Künstler, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts diese 14 Bilder geschaffen hat, tief hineinführen in das entsetzliche Geschehens. Er führt Folter und Qual schmerzhaft vor Augen.

Jesus wird in fast allen Bildern als ein von seinen Schächern Getriebener gezeigt. Die Szenen sind teilweise tumultartig, beispielsweise bei der III. Station ('Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz'). Soldaten stoßen den Verurteilten oder reißen an dem Strick, mit dem sie ihn durch die Straßen zerren. Einer tritt den Gestürzten mit dem Fuß.

Emporgereckte Speere und Lanzen, bedrohlich flatternde Fahnen unterstreichen an anderer Stelle die erbarmungslose Macht der Schächer. Diese und die Schwere seiner Last zwingen Jesus mehrfach in die Knie. Wie begraben liegt er bei der VII. Station ('Jesus fällt zum zweiten Mal') unter den mächtigen Balken.

Doch die Orgie der Gewalt wird in einigen Momenten unterbrochen: Überraschend aufrecht zeigt sich Jesus in den Situationen, wo er gutmeindenden Menschen begegnet: seiner Mutter, Veronika oder den weinenden Frauen. Ihnen wendet er sich zu, blickt sie direkt an, hebt tröstend die Hand.

Der Schöpfer des Genhofener Kreuzwegs hat die Konzeption des Zyklus’ gut durchdacht. Er umreißt mit teilweise angeschnittenen Gegenständen – ein Vorhang, eine Schaufel, eine Säule – auf den örtlichen wie zeitlichen Zusammenhang und deutet damit manchmal sogar den weiteren Verlauf des Geschehens an.

Mittels seiner Farbgebung ordnet er die dargestellten Personen eindeutig zu: Dunkel-, fast rothäutig sind Soldaten und Schächer gemalt, die Gesichter kaum ausgestaltet, und wenn, dann mit bedrohlich wildem Ausdruck.

Diesen düsteren, groben Gestalten stehen die 'Guten' dieser Geschichte gegenüber. Jesus mit fast weißer Hautfarbe, die Frauen und ihre Kinder mit zartem, fein gezeichneten Gesichtsausdruck.

Leider gehört die XIV. Station ('Jesus wird ins Grab gelegt') zu den Bildtafeln, die nicht mehr so gut erkennbar sind. Sie genau ins Auge zu fassen, lohnt. Endlich ist – nach diesem Foltergang – dem auf einer Steinplatte im schützenden Gewölbe ausgestreckten Leib seine menschliche Würde wieder anzusehen.

Der im Hintergrund angedeutete Hügel von Golgotha mit drei schief stehenden Kreuzen und eine am Boden liegende Tafel mit der Aufschrift INRI (Jesus Nazarenus Rex Judaeorum – Jesus von Nazareth, König der Juden) fassen die Geschichte abschließend zusammen. Dieses Bild verströmt eine ergreifende Stille.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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