Historie
Irseer Heimatforscher entdeckt Geschichten in alten Zeitungen

Vor 144 Jahren kam Leo Tolstois bedeutendster Roman heraus: 'Krieg und Frieden'. Aber was der russische Dichter in seiner epischen Erzählung über die Zerwürfnisse in der Gesellschaft des Zarenreiches nicht schrieb, war der Widerstreit zwischen weltlichen und religiösen Ansichten 1868. Die wiederum entdeckte der Irseer Heimatforscher Franz Abfalter in alten Ausgaben des Kaufbeurer Anzeigenblattes in Irsee. 'Bei einem heute dahier stattgefundenen Leichenbegräbnisse hat der hiesige Pfarrer, welcher den Leichenkondukt begleitete, eine höchst beklagenswerte Störung herbeigeführt', schreibt das Blatt am 3. August 1868 aus Irsee.

Pfarrer Egid Rixner nämlich verbot einem Arzt, den Zug zu begleiten: 'Bleiben sie zurück, hier habe ich zu befehlen', soll er ihn angeschnauzt haben, berichtet die Zeitung weiter. Aber daraufhin griff der Seelsorger das Blatt an: Er habe dem Arzt lediglich verboten, am Chor teilzunehmen.

Alles andere weise er als 'Unwahrheit' zurück. Doch die Zeitung ließ nicht locker und recherchierte: Der Arzt, Dr. Kraußold aus der damaligen Kreisirrenanstalt in Irsee, sei ein sogenannter Fortschrittler – also politisch liberal. Dennoch engagiere er sich im Kirchenchor, obwohl er evangelisch sei.

Der Pfarrer hingegen sei katholisch und stockkonservativ. Bei einer Parlamentswahl, bei der es auch um Schulgesetze ging, seien die Meinungsverschiedenheiten eskaliert und Rixner habe den Doktor des Chores verwiesen.

Der Vorfall bei dem Leichenzug brachte alsdann das Fass zum Überlaufen, weshalb Kraußold den Pfarrer noch im August wegen Ehrenkränkung anklagte. Doch das Stadt- und Landgericht Kaufbeuren sprach den politisierenden Gottesmann am 15. September frei.

Was aber der Arzt nicht auf sich sitzen ließ: Er ging in die zweite Instanz. Das Bezirksgericht Kempten gab ihm recht und sprach den Pfarrer der 'Ehrenkränkung' schuldig, die er mit 25 Gulden zu begleichen habe:

'Weil aus den Äußerungen des Beklagten sowohl nach ihren Motiven als nach dem Ort und den Umständen die Absicht hervorging, den Kläger durch die unberechtigte Hinwegweisung von der Leichenfeierlichkeit in den Augen seiner Mitbürger an seiner Ehre zu schädigen.'

Das hätten zwar die Mitbürger schon an dem Tag des Begräbnisses durch 'allgemeines Murren' zurückgewiesen, aber der Pfarrer habe das nicht einsehen wollen. Deshalb analysierte das Bezirksgericht: 'Das Motiv für das beschriebene Vorgehen des Pfarrers Rixner lag in der politischen Gesinnung und der republikanischen Tätigkeit des Dr. Kraußold.'

Und dann gab der Richter dem Gottesmann noch einen ordentlichen Rüffel mit: Der habe sich hinter seiner 'Pflicht verschanzt und so dem Strafgesetze zu entgehen' versucht.

'Man scheut sich nicht, bei der Ausübung des Amtes den Anstand nicht bloß, sondern auch die Ehre des Mitmenschen auf das Gröblichste zu verletzen', berichtet das Anzeigenblatt abschließend am 2. November.

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