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Buchveröffentlichung
Irsee: Arbeitskreis zur Erforschung der Euthanasie legt Band vor

Die Verbrechen der Nazis werden wohl noch Generationen von Historikern beschäftigen. Zwar sind die Zeiten des Terrors schon bald sieben Jahrzehnte verstrichen. Manche Publikationen zu diesem Thema lassen dem Leser nichtsdestotrotz auch heute den Schauer über den Rücken laufen. So etwa der Beitrag von Petra Schweizer-Martinschek, einer in Irsee lebenden Historikerin, die die medizinischen Versuche an behinderten Kindern in der früheren Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren schildert. Veröffentlicht ist dieser Beitrag in dem aktuellen Band des Arbeitskreises zur Erforschung der nationalsozialistischen Euthanasie und Zwangssterilisation, der nun erschienen ist.

Viele Wissenschaftler waren laut Autorin der Meinung, dass Behinderte vor ihrem gewaltsamen Tad wenigstens noch für die Forschung nützlich sein sollten. So auch Dr. Georg Hensel, der von 1939 bis 1946 als Oberarzt in der damals fortschrittlichsten Tuberkuloseklinik Deutschlands in Oy/Mittelberg tätig war. Hensel hatte ein Mittel gegen Tuberkulose entwickelt, das er in Kaufbeuren testete. Schweizer-Martinschek fand heraus, dass Hensel mindestens 13 Kindern das Medikament verabreichte. Für mindestens sechs Kinder endete diese Gabe tödlich. Vor ihrem Tod reagierten alle Kinder auf das Mittel mit Fieber, eitrigen Abszessen und geschwollenen Lymphknoten.

Nach dem Krieg war im August 1946 von der Kemptener Staatsanwaltschaft Anklage gegen Hensel erhoben worden. Das Verfahren endete mit Freispruch aus Mangel an Beweisen. Hensel musste nur eine geringe Geldstrafe zahlen.

Das Düstere der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren lebte zumindest in einigen Bereichen in der Folgeinstitution, dem Bezirkskrankenhaus (BKH) Kaufbeuren, weiter fort, wenn man den Zeilen von Professor Michael von Cranach folgt. Dieser wurde 1980 als junger Psychiater zum Ärztlichen Direktor bestellt. 'Die ersten Tage war ich tief erschüttert über die äußere Situation der 1000 Patienten.' Das BKH war quasi abgeschlossen von der Außenwelt. Ärzte ließen sich von Patienten die Autos waschen, Oberarztgattinnen beschäftigten unbezahlte Patientinnen als Dienstmädchen, so von Cranach.

Es gab allgegenwärtige Gewalt und extreme Hierarchie. 'Als ich am zweiten Arbeitstag die Oberärzte einzeln besuchte, erschrak ich, als ich in einem Zimmer an der Wand hängend eine Landkarte des Großdeutschen Reiches sah. Der Kollege missverstand mein Staunen und erklärte mir stolz, dass er als junger Mann mit der Legion Condor in Spanien gekämpft habe', schreibt von Cranach weiter.

Insgesamt bietet der Band eine Reihe von eindrucksvollen Beiträgen, dazu kommen Exkurse in die Gegenwart – wie die 'Irseer Erklärung' des Arbeitskreises zur Präimplantationsdiagnostik. Ein Buch, das dem ethisch, historisch oder medizinisch Interessierten viele aufschlussreiche Informationen bietet.

Das Buch 'Den Opfern einen Namen geben – NS-'Euthanasie'-Verbrechen, historisch-politische Verantwortung und Erinnerungskultur' ist erschienen im Verlag Klemm + Oelschläger, Münster/Ulm. Es fußt auf der Tagung des Arbeitskreises zur Erforschung der nationalsozialistischen Euthanasie und Zwangssterilisation, die im Mai 2011 im Kloster Irsee statt fand. Das Buch ist im Buchhandel sowie im Kloster Irsee erhältlich.

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