Interview
Interview mit Claudio Puntin, dem künstlerischen Leiter des Irseer Musikfestivals Tonspuren

Nach dem Ende von 'Klang und Raum' wird es im nächsten Jahr wieder ein Musikfestival im Kloster Irsee geben. Künstlerischer Leiter der Veranstaltung mit dem Titel 'Tonspuren' ist der Klarinettist und Komponist Claudio Puntin. Martin Frei hat den 46-jährigen Schweizer mit Wohnsitz und Lehrauftrag in Berlin in der ehemaligen Benediktinerabtei getroffen und sprach mit ihm über das neue Festival.

Herr Puntin, Sie zogen eine Woche lang komponierend durch die Räume des Klosterkomplexes. Sind Sie jetzt auch künstlerisch in Irsee angekommen?

Puntin: Das Konzept von 'Tonspuren' hat viel mit dem Ort zu tun, an dem das Festival stattfindet. Wir wollen diese Räume hier aktiv nutzen. Als Inspiration für die Kompositionen, die zur Aufführung kommen. Aber auch der Ort mit seinen unterschiedlichen Räumen soll zum Klingen gebracht werden.

Wie haben Sie sich dem Kloster Irsee genähert?

Puntin: Ich habe insgesamt drei Führungen durch das Kloster mitgemacht, ich habe die Umgebung beim Joggen erkundet und viele interessante Nischen und Ecken kennengelernt. Beim Arbeiten 'in residence' habe ich versucht, die Energien in diesen Räumen zu finden.

Ich habe da einiges entdeckt. Auch wenn durch die massive Restaurierung des Klosters vieles verborgen wurde – die Geschichte der Menschen, die hier lebten oder arbeiteten, ist gegenwärtig und ich will es rausholen.

Welche Entdeckungen haben Sie denn gemacht?

Puntin: Zu viel will und darf ich noch nicht verraten. Aber mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass die Glocken der Klosterkirche in h-Moll gestimmt sind. Den Hall der diversen Räume, Flure, Dachgeschosse habe ich natürlich mit Instrument und Stimme erkundet. Oder, als ich oben auf der Hochebene auf einem Weg zwischen zwei Wiesen entlang lief, fiel mir auf, dass die eine voller Klang war, die gegenüberliegende jedoch totenstill. Sie war gegüllt!

Wie komponieren Sie?

Puntin: Komponieren kann bei mir immer und überall passieren. Im Zug, beim Zähneputzen, beim Komponieren sogar! In Irsee habe ich mich total den Gegebenheiten und auch der Region angepasst. Die so entstehende Musik fügt sich hier ein und nimmt die Energie auf, so, wie ein Wein oder ein Käse einer Region genau dorthin passt.

Natürlich können diese Werke nach dem Festival trotzdem auch anderswo gespielt werden. Man spielt ja beispielsweise Mozart auch nicht nur in Salzburg oder wo immer er seine Werke komponiert hat.

Selbst wenn das Ergebnis melodisch, tonal, und nicht auf Avantgarde-Kurs sein wird, möchte ich mich mit meiner Musik ganz bewusst von stilistischen Konventionen oder Stilbezeichnungen lösen.

Es geht mir darum, Klang-Moleküle zu entdecken und zu verarbeiten. Das Spontane in der Musik hat für mich einen hohen Stellenwert.

Widersprechen sich Ihr moderner, ganz im Wortsinn unkonventioneller Zugang zur Musik und die barocke Pracht des Klosters nicht?

Puntin: Nein, das ist kein Widerspruch, höchstens ein sprachliches Problem. Beide entsprechen dem Wesen des Menschen und weniger dem des Komponisten. Wenn man zum Beispiel den Jazz betrachtet, dann ist dieser der Barockmusik oft viel näher als so manche E-Musik.

Die Art und Weise der Improvisationstechnik ist sogar oft die gleiche. Wir haben in der europäischen klassischen Musik die Selbstverständlichkeit zu improvisieren sehr verloren. Dabei improvisiert jedes Kind, und vergessen wir nicht, dass jedem musikalischen Werk Improvisationen vorausgegangen sind.

Daher müsste man sich eher fragen, was denn unkonventionell in diesem Sinne überhaupt heißt. Für mich ist beispielsweise der Puls, also der durchgehend pulsierende Rhythmus ein sehr wichtiges und faszinierendes Element in der Musik.

Er ist weltweit möglicherweise die wichtigste Komponente des menschlichen Alltags, außer bei uns in unserer klassischen Musikwelt. Da ist er nach dem Barock für einige hundert Jahre untergegangen. So schlage ich Brücken, stilistische und thematische. Barock und pulsierende Klänge? Na klar, war schon immer so.

Welche Aufgaben haben Sie als künstlerischer Leiter der 'Tonspuren' abseits des Komponierens noch?

Puntin: Ich bin sehr froh, dass die Intendantin des Festivals, Dr. Martina Taubenberger, den gesamten organisatorischen Bereich hervorragend abdeckt und dabei auch die Sprache der Musiker spricht und deren Bedürfnisse aus eigener Erfahrung gut kennt. Darum macht mir mein Amt wenig Angst. Eine weitere hochinteressante Aufgabe für mich ist der Bereich der Musikvermittlung.

Die wird nicht nur beim Festival selbst eine große Rolle spielen, sondern wir werden auch schon im Vorfeld hinausgehen an Schulen und mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten.

Gibt es einen Ort im Kloster Irsee, der für Sie besonders anregend war?

Puntin: Das kleine Tischchen auf der Bühne des riesigen Festsaals war ein außergewöhnlicher Platz, da sind einige Skizzen und Kompositionen entstanden, auf die ich mich jetzt schon freue, sie in Originalbesetzung zu hören.

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