Amoklauf-Szenario
Brandschutzübung mit Lerneffekt in der Mittelschule in Germaringen

Wenn Dutzende Kinder markerschütternd um Hilfe schreien, sind 30 Minuten eine Ewigkeit – selbst bei einer Brandschutzübung. Gefangen in ihren Klassenzimmern, warten die jungen Burschen und Mädchen im ersten und zweiten Stock der Germaringer Mittelschule auf ihre Retter. Dichter Qualm verhindert jeden Fluchtversuch über die Korridore. Ein ehemaliger Schüler, so das Szenario, hat aus Frust überall Feuer gelegt. Die Schülergarderoben auf den Fluren stehen in Flammen, Abfalleimer kokeln vor sich hin. 'Das ist wie ein Amoklauf, nur ohne Waffen', meint Kreisbrandmeister Wilhelm Schorer. Er hat sich diesen Übungseinsatz zusammen mit dem Germaringer Kommandanten Benjamin Biechele ausgedacht.

Um 19.15 Uhr, kurz nach der Alarmierung, taucht das erste Blaulicht am Haupteingang der Schule auf. Minuten später ist auch Schulleiter Josef Kreuzer am Ort. Er schaut zu den Kids in der zweiten Etage, ermuntert sie, laut um Hilfe zu rufen und blickt immer wieder besorgt zur Schulhof-Einfahrt an der Kaufbeurer Straße. Von dort müsste eigentlich die Feuerwehr anrücken, doch minutenlang rührt sich nichts. Am Haupteingang der Schule, am Sportpark, treffen dafür immer mehr Einsatzfahrzeuge ein, aus Dösingen, Westendorf und Mauerstetten. Sechs Trupps mit Atemschutzgeräten durchkämmen von hier aus das Gebäude, Raum für Raum, Stockwerk für Stockwerk.

Nach der ersten Schulwoche, meint Kreuzer noch spaßig, könne ihn auch eine Brandschutzübung nicht groß stressen. Doch als um 19.32 Uhr endlich der große Lkw mit der Drehleiter auftaucht und im Zeitlupentempo im engen Schulgarten zu manövrieren beginnt, wird auch Kreuzer langsam unruhig. Das Wendemanöver kostet Zeit, sehr viel Zeit. An einem normalen Schultag wären jetzt über 350 Kinder im Haus.

'Hilfe, mir ham Höhenangst', schreit ein Bub, als er einen zweiten Trupp beim Aufbauen einer Alu-Leiter beobachtet. Über sie sollen die Kids aus dem ersten Stock evakuiert werden. Um 19.40 Uhr wird die große Drehleiter endlich ausgefahren. Parallel dazu klettern Atemschutz-Träger die Leiter hoch.

Fünf Minuten später sind mehrere Buben in Sicherheit – die Löschtrupps können loslegen: Die Schläuche, prall gefüllt wie überlange Weißwürste, sind zu diesem Zeitpunkt schon längst verlegt. Alles wartet auf den Befehl: Wasser marsch!, doch Rettungsaktion und simulierte Brandbekämpfung dauern. Erst um 21.15 Uhr werden die letzten Wehren abrücken. Die größte Herausforderung des Abends, meint Kreisbrandrat Markus Barnsteiner am Tag nach der Übung, war der Brandort selbst: eine Schule mit Hunderten Kindern in Lebensgefahr.

Der Koordination der vielen Einsatzkräfte und dem Festlegen der Prioritäten kam deshalb eine besondere Bedeutung zu: Sieben Wehren mit insgesamt 130 Mann waren an Ort und Stelle: aus Dösingen, Westendorf, Neugablonz, Mauerstetten, Pforzen, Germaringen und Rieden. Und alle wollten helfen: Doch Dutzende Teams auf einmal ins Schulhaus zu hetzen, das hätte unweigerlich im Chaos geendet.

Barnsteiners vorläufiges Fazit fällt auch wegen der Verzögerung beim Drehleiter-Einsatz gemischt aus: 'Sehr gut funktioniert' habe der Einsatz der Atemschutztrupps und die Rettung aller 31 Kinder in diesem 'schwierigen und weitläufigen Objekt'. Lerneffekte habe dagegen der Drehleiter-Einsatz im engen Schulgartenhof gebracht: 'Das war aber nur ein Versuch, über einen anderen Weg als über die Treppenhäuser in diesen Schultrakt zu gelangen', so Barnsteiner.

Ausgestattet mit schwerem Atemschutz retteten die Feuerwehrmänner die Kinder bei der Übung aus dem Schulgebäude. Foto: Mathias Wild

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