Depression
Volleyballer in Sonthofen geben Stefan Bauch nach Krise Halt

Es war ein Junitag im vergangenen Jahr, als Stefan Bauch (50) mit seinem Auto gegen einen Baum rasen wollte. Der frühere Weltmeister im Zweier-Canadier und Mentaltrainer der damaligen Bundesliga-Volleyballerinnen aus Sonthofen war völlig verzweifelt.

Drei Monate hatte er Tag und Nacht für seine bislang größte berufliche Herausforderung gerackert: einem Team-Lehrgang für den Fußball-Bundesligisten Mainz 05. Trainer Thomas Tuchel engagierte Bauch vor der Saison 2010/2011, um aus den Spielern in sechs Tagen zu einer schlagkräftigen Einheit zu formen. Moderne Psychologie und gemeinsam gemeisterte Grenzerfahrungen in einem eigens aufgebauten Seilparcours in einem Wald bei Mainz-Schierstein sollten dabei helfen. Bauch brannte für dieses Projekt.

Von den Spielern und Tuchel wurde er gelobt. Doch einer der Co-Trainer kritisierte ihn nach der Hälfte ungewohnt rüde. Für Perfektionist Bauch, der bis zum Anschlag gearbeitet hatte und am Ende seiner Kraft war, brach in diesem Moment eine Welt zusammen.

Zusammenbruch nach Autofahrt

'Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ich konnte nicht mehr. Auf der Rückfahrt nach Hause wollte ich mir das Leben nehmen', sagt der gebürtige Bonner, der seit vielen Jahren in Sonthofen lebt.

Irgendetwas hielt ihn davon ab, seine dunklen Absichten in die Tat umzusetzen. Vielleicht seine innere Stimme, die ihn daran erinnerte, dass er als verheirateter Vater von zwei Kindern im Alter von damals 15 und 17 Jahren eine Verantwortung habe. Vielleicht auch ein Schutzengel. Stefan Bauch weiß es nicht genau. Das Wichtigste ist: Er hat die Horrorfahrt überlebt. Zu Hause warf er sich heulend auf sein Bett – unfähig aufzustehen oder einen klaren Gedanken zu fassen.

Seine Frau holte noch am selben Abend Hilfe bei einem befreundeten Psychiater, der offen aussprach, was Bauch schon länger befürchtete: 'Du hast eine schwere Depression.' Noch am selben Abend sagte Bauch alle beruflichen Termine ab. Ausgerechnet er, der jahrelang als sogenannter Prozesstrainer Spitzensportler und Führungskräfte beim Erreichen ihrer Ziele half, war mit einem Mal zum hilflosen Helfer geworden.

Es fiel ihm schwer, die Krankheit zu akzeptieren. 'Ich sah mich als den totalen Verlierer. Der Unterschied zwischen dem Ideal, das ich von mir hatte und dem Ist-Zustand war so groß, dass ich es kaum ertragen konnte.

' Bauch hatte bis dato alles erreicht in seinem Leben: 1989 war er mit seinem Bruder Weltmeister geworden, sein Beruf erfüllte ihn, er hatte keine Geldsorgen, seine Frau und die Kinder waren wohlauf – eigentlich hätte er glücklich sein können.

Doch Stefan Bauch konnte das Glück nicht spüren. 'Ich habe mir immer hohe Ziele gesetzt. Aber wenn ich sie erreichte, konnte ich mich nicht darüber freuen.' Statt dessen hechelte er neuen Zielen hinterher. 'Ich konnte mich einfach nicht mit meiner Durchschnittlichkeit anfreunden.'

Kurz vor seinem Zusammenbruch rannte und radelte er täglich bis zu vier Stunden. Er wollte unbedingt einen Triathlon meistern und schindete sich wie in jungen Jahren. Er war sich bewusst, dass er sich eine Verletzung zuziehen könne. Doch es war nicht sein Körper, der rebellierte. Es war seine Seele. Sie schrie nach einer Pause. Bauch hatte die Signale viele Monate verdrängt. 'Ich habe es mir selbst nicht zugestehen wollen, dass etwas mit mir nicht stimmt. Stattdessen habe ich zu lange den starken Mann gespielt', sagt Bauch.

Nach dem Zusammenbruch hat er sich seine Schwächen eingestanden – und wurde dadurch stärker. So sieht er das heute. 'Als ich mir eingestanden habe, Hilfe zu brauchen, habe ich gemerkt, wie viele Leute bereit sind, zu helfen', sagt er.

Nach einer Therapie in der Helios-Klinik für psychosomatische Medizin in Bad Grönenbach beschloss er, offensiv mit der Depression umzugehen und teilte Freunden und Bekannten auf Facebook über seine Erfahrungen mit. 'Erstaunlich war, dass viele Ähnliches erlebt haben, aber mir erst jetzt davon berichteten.' Andere wiederum konnten es gar nicht glauben, dass Bauch an Depressionen litt. 'Er hatte immer alles im Griff. Ein super Typ. Locker und kontaktfreudig', erinnert sich Peter Rothe (56), Geschäftsführer der Sonthofer Zweitliga-Volleyballerinnen.

Genau wie die Spielerinnen habe er höchsten Respekt davor, dass der frühere Mentaltrainer offen mit der Krankheit umgeht. 'Das schafft sicher nicht jeder', sagt Rothe.

Er freut sich darüber, dass Bauch wieder die Heimspiele in der Allgäu-Halle besucht und seinen Job als ehrenamtlicher Vorsitzender des Volleyball-Leistungszentrums weitermacht.

Die kleinen Dinge genießen

'Die Volleyballer haben mir in einer schweren Zeit sehr geholfen', sagt Bauch, den es zurückzieht ins Leben. Er will sich die Kräfte besser einteilen – und er hat gelernt, die kleinen Dinge zu genießen. So wie diesen einen Augenblick im Urlaub heuer in Kroation. Bauch lag in der Sonne am Strand und sah zu, wie seine Frau mit Sohn und Tochter Ball spielte. Plötzlich war Bauch, der immer nach Höherem strebte, vollkommen zufrieden. Er dachte: 'Es reicht so wie ich bin. Denn das, was ich habe, ist wunderbar.'

Dieses Gefühl hat er mitgenommen in seinen Alltag. Er hofft, dass es nicht aus seinem Leben weicht. Auch nicht jetzt im Herbst, wenn die Tage kürzer werden und der Nebel bald wieder nasskalt über den Straßen hängt. Stefan Bauch sagt, dass ihm das nichts ausmacht. Er will den Kopf nicht hängen lassen. Wenn er nach draußen geht, läuft er aufrecht und schaut geradeaus.

Hinterm Horizont geht’s weiter.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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